Erzählst du mir eine Geschichte, Aika?
Was für eine Geschichte willst du denn hören?
Meine Geschichte, erzählst du sie mir? Wie könnte ich nur!
Nicht wie sie war, wie sie sein hätte können.
Und nur wir werden wissen, was wa(h)r – du und ich, ich und du … duich … wir.
Willkommen auf der Seite von
Alina Malinova (Alina Linde)
Lass mich träumen:
Von einer Welt,
in der die Menschen noch Zeit haben,
stille zu stehen,
zu betrachten den Tanz eines Wasserflohs
(oder das Flugspiel der Hummeln).
Einer Welt,
die zuzuhören dir noch vermag
und in der ein eben noch Fremder
mein Leid auffangend
zum Freunde mir wird,
gemeinsam tragend
schier erdrückende Last.
---------------------------------------------
Es gibt Texte, die geschrieben werden müssen, laut heraus geschrien … oder ist alles doch nur Gestammel? Und Worte, die Wunder bewirken, werden sie nur aus dem Dunkel heraus gehoben, um (wieder) wachsen zu können.
Meine Motivation
Geschichten können heilen, sagtest du. Können sie das? Vielleicht. Und Träume?
Ist ein Traum irgendwann einmal zu lange her, um leben zu können?
Zeit kann an dir vorüber fließen. Wie ein großer Fluss. Ich weiß es. Ich habe es gelernt. Wie Vokabeln und Grammatikregeln einer fremden Sprache: Laute, Morpheme, Wortformen, Wörter, Syntagmen, Sätze ... Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Monate, Jahre. Wie viel Wasser sollte den Njemen hinabströmen daheim, später einen anderen Fluss und wieder später einen dritten in einem fremden und doch schon vertraut gewordenen Land? So viel. Wassertropfen wie Buchstaben, Buchstaben wie Wassertropfen, sich zusammenfügend zu einem immer größeren Strom. Vorwärts schreitend, immer weiter, mal schneller, mal langsamer, so vieles in sich aufnehmend und mit sich tragend. Aber manchmal auch anhaltend, um am liebsten wieder umkehren zu können – wie Flüsse in jenem Landstrich, von dem ich sprach. Und es spiegelten sich Sonne, Mond und Sterne in seinen Wassern. Licht. Weißes Licht. Kaltes weißes Licht. Farbiges Licht. Und zuweilen Dunkelheit und Leere. Doch manchmal auch das Lachen und Strahlen meiner wohl noch immer viel zu selbst-kontrollierten Augen.
Vergessen ist wie ein Hand voll Sand ...
nur meine Hand war feucht, als sie sich füllte.
Können Geschichten also heilen? Oder vermögen sie nur Wunden zu schließen, bis sie aufbrechen von neuem?
Über mich
Alina Malinova, Jahrgang 1972, studierte osteuropäische Geschichte sowie Sprach- und Literaturwissenschaft und lebt und arbeitet bei und in München. Ihre Skizzen, Erzählungen und Gedichte erschienen seit 2004 auf Deutsch, Russisch und Estnisch in München, Almaty und Tartu unter anderem in der Literaturzeitschrift „Koidutäht – Утренняя звезда – Der Morgenstern“ und „Заря : Literatur aus Zwischeneuropa und Mittelasien" sowie als selbstständige Publikationen.
-----------
Zunächst einmal, um Verwirrung zu vermeiden. Die meisten meiner Texte, Skizzen und Bücher erschienen unter dem Namen Alina Malinova (warum? … das wäre gewiss eine eigene Geschichte), zuletzt aber auch unter meinem jetzigen Namen Alina Linde. Und weiter? Mein berufliches Leben könnte ich als Reise zwischen verschiedenen Interessen und Wissenszweigen beschreiben. Um es kurz zu fassen: Ausgehend von einem geisteswissenschaftlichen Studium (Geschichte, Sprachen, Literatur) landete ich schließlich über verschiedenen Seitenwegen, etwa der Linguistik, Pädagogik, Verlagsarbeit, Digitalisierung und Bibliothekswesen sowie der medizinischen Pflege wieder im sprachlichen Bereich. Neben all dem steht aber (und das ist hier wichtig!) die Arbeit in zahlreichen und sich zeitweise über Länder hinweg erstreckenden sozialen und literarischen Projekten unserer kleinen, auf Eigeninitiative gründenden Hilfsgruppe namens sü-p [SystemPunkt], ohne die wohl viele meiner Texte in ihrer jetzigen Form nicht entstanden wären …
Vice versa
Eines Tages sang ein Vogel im Hain an den Feldern. Da begann eine Blume zu blühen. Und der Vogel dachte: „Vielleicht blüht sie nur, weil ich singe.“ Und er sang noch schöner. Als aber die Blume den Vogel so singen hörte, sagte sie sich: „Vielleicht singt er nur, damit ich blühe.“ Und sie blühte noch schöner.
Auf der Seite "Aktuelle Projekte / Galerie"
finden sich Kostproben aus meinen aktuellen Erzählprojekten sowie einige längere Erzählungen.
In der Rubrik "Warum dieses Buch für mich wichtig ist" soll im wöchentlichen Wechsel ein anderes Buch aus dem ost- und ostmitteleuropäischen Raum vorgestellt und besprochen werden.
Melodie des Lebens
Alle gingen vorüber. Als wäre der Klang seiner Lieder nur ihm noch hörbar. Nicht ausfüllend jenen engen und doch grenzenlos weiten Raum zwischen Brückenpfeilern und Njemen. Unten das Wasser des Flusses, dreckig und träge, oben Autolärm und der pfeifende Wind des kommenden Herbstes. Und doch konnte ihn nichts von seinem Tun abbringen. (Nicht Wind, nicht Lärm – niemand!) „Irgend jemand muss all die Melodien spielen. Sonst geht die Welt zu Grunde“, erwiderte er als ich ihn fragte. Lange waren wir befreundet gewesen, fünf Sommer lang, wenn ich daheim war und er zur Arbeit in Hrodna. Der Markt war immer voll Leben, voll Händlern aus nah und fern, ihre Waren feilbietend und mit Käufern mal laut, mal gleichgültig handelnd. Ich liebte dieses Treiben – als Kind und natürlich auch später. Was konnte man da nicht alles sehen: urtypische Bäuerinnen mit Körben voll Äpfeln, Kartoffeln oder auf Zeitungspapier ausgebreiteten Kräutern, nicht minder charakteristische Tataren oder Georgier mit ihren immer bered sprechenden Gesten, fahrende Händler, die allerlei sinnvollen oder unsinnigen Gram feilboten ... ich will es nicht einzeln erzählen. Und mittendrin er, seine Ware anpreisend – mit Worten, mit Liedern und Flötenklängen. ‚Der Verrückte aus Turkmenistan’ nannten sie ihn hinter der Hand und auch offen. Er handelte mit Tee, dem besten Tee dieser Erde, wie er sagte, und nannte Namen, die mir kleinem Kind geheimnisvoll klangen und exotisch. Ich staunte. Tagelang, wenn ich mit Großmutter auf den Markt kam. Irgendwann begann ich zu fragen: „Was ist das für ein Land, aus dem du kommst?“ „Ein großes Land, ganz weit weg im Osten, meine Prinzessin.“ „Gibt es dort Berge, Drachen und Prinzen?“ Er lachte und begann zu erzählen. Und diese kleine Prinzessin Alina, die so gerne einmal fremde Länder kennen lernen wollte (und natürlich auch Prinzen!) staunte mit offenem Mund über all die Geschichten. Bis Großmutter sie an die Hand nahm und von dem sonderbaren Alten wegzog. Wir gingen. „Bis morgen!“ „Bis morgen, meine Prinzessin!“ Doch für Alina gab es kein ‚morgen’. Denn Großmutter nahm mich nie wieder mit, wenn sie auf den Markt ging - ganz gleich wie ich auch bat und bettelte. Nein und noch einmal nein; als hätte ich etwas Verbotenes getan, indem ich ihn ansprach und fragte...
Jahre vergingen – aus jenem damals gar nicht mehr so kleinen Mädchen war eine Studentin geworden, die sich nicht mehr um Großmutters Verbot scherte. Warum auch? War ich doch jetzt schon so groß und nicht mehr das zu schützende Kindchen. Und so trafen wir uns nach Jahren an altbekannter Stelle wieder. „Sie studieren, Alina?“, fragte er. „Woher wissen Sie meinen Namen?“ „Ich habe ihn noch nicht vergessen.“ Eine Pause. „Und Sie auch nicht.“ Was antworten auf solch feine Worte? „Danke.“ Ein seltsames Gefühl. Ein Stand voll Tee, ein alter Mann dahinter, eine Flöte irgendwo zwischen Schächtelchen und Säcken. „Ja, Literatur und Sprachen“, brachte ich schließlich trotz meiner Verwirrung hervor. „Das habe ich auch einmal gemacht – ist lange her ...“ „Sie?“ „Ja, ja – ich war einmal Dozent für Sprachen, Turksprachen, um ganz genau zu sein. Dann wollten sie mich nicht mehr. Und ansehen tut es mir jetzt wohl keiner.“ Er lachte, ein seltsames Lachen zwischen Freude und Trauer, das ich später so oft an ihm beobachtete, und begann zu erzählen. Tee statt Sprache, Markt statt Uni – eine sonderbare Karriere. Eine typische vielleicht für dieses riesige Land, in dem wir früher beide lebten. Sprachwissenschaft, ein Nachmittag zwischen so vielen Leben. Gedankenbilder, Erinnerungen – an ein Land, das er mir vor Jahren als Märchenland geschildert hatte, und jetzt beschrieb als das Land ... seiner Träume. Bilder, die schwankten zwischen Sehnsucht, Heimweh, Verklärung, ein wenig Bitternis und Enttäuschung. Mir schien es, als würden sie ein erstes Mal seit Ewigkeiten hervorbrechen. Ich weiß nicht, wie lange er erzählte. Nur dass er ein oder zwei Mal abbrach, um Kunden zu bedienen und ich wie selbstverständlich dabei stand, als würde ich schon zu ihm gehören. „Manchmal stört es, wenn man Kundschaft hat.“ Er lächelte geheimnisvoll in sich hinein – wie es eigentlich nur alte Menschen noch können: nicht gezwungen, nicht aufgesetzt, irgendwie ruhig und nach Außen zufrieden. „Darf ich Sie einladen, Alina?“ fragte er unvermittelt. Ich zögerte. Doch Nein-sagen ist in manchen Situationen nicht möglich. „Sie dürfen. Und gerne.“ Mit einer schnellen Bewegung räumte er seine Waren zusammen, stellte sie in eine Ecke, bat seinen Standnachbarn, einen Blick darauf zu halten, und ging mit Alina.
Das kleine Lokal, in das er mich führte, war mir noch nie aufgefallen. Ich wäre auch nie allein dorthin gegangen. (Nicht weil ich generell ungern in Cafés oder Restaurants gehe, sondern ... Wie soll ich es sagen?) Aber jetzt war es anders … Und als es vor dem Fenster schon fast Dunkel war, nahm er mich ganz sanft an die Hand und führte mich nach draußen. „Lass uns zum Njeman gehen.“ „Und dann?“ „Ich will dir etwas zeigen.“ Wieder zögerte ich, mehr als die Stunden zuvor; ein unangenehmes Gefühl, vielleicht hatte Großmutter doch Recht gehabt mit ihrer Warnung. „Ich will nicht.“ Sein Blick zeichnete einen Zug von Melancholie, von Trauer. „Warum? Wir kennen uns doch schon lange.“ Was nur antworten? „Ich habe einen Freund“, warf ich in den Ring, wie ich es immer tue, wenn ich in solchen Sachen meine Ruhe haben will, „und der mag nicht, dass ich ... Das muss man verstehen.“ „Ich will nicht ... Ich wollte dir nur die Melodie spielen, ohne die die Welt still steht.“ Fast kraftlos ließ er meine Hand sinken. „Aber keine Angst, ich gehe.“ So wehmütig plötzlich seine Stimme; nicht mehr so fest, wie noch eben. Zwei Schritte nur entfernt von mir und doch so, als wäre ich schon nicht mehr auf der Welt: „Bis morgen?“ Flötenklänge begleiteten sein Verschwinden im dunklen Rachen der Straße. Und als ich aus meiner Erstarrung erwachte, waren sie schon fern, leise und k aum mehr hörbar. Wo war ich gewesen?
Ein Augenblick. Wir sind nie mehr darauf zurückgekommen. Und doch begann mit ihm eine zweite Freundschaft zwischen uns beiden. Sprachwissenschaft – ich habe viel bei ihm über Sprachen, über Linguistik und Literatur gelernt, mehr als bei manchen Dozenten in Belarus und in Estland. Und ihn freute es vielleicht, eine Zuhörerin zu haben, die nach mehr fragte, als nach Teesorten und Preisen. Wie viele Tage habe ich nur deshalb auf dem Markt verbracht, um mit ihm zusammen zu sein, zu diskutieren und zu streiten? Mehr als nur manche. Und wenn wir nach so einem Tag müde waren, und der Abend unausweichlich bevorstand, nahm er oftmals einen kleinen Sack und schüttete Teeblätter hinein – so lange bis er voll war. „Ich habe nicht so viel Geld, das alles zu bezahlen“ versuchte ich vorsichtig zu klären. „Ich lade Sie ein, mehr darf ich ja nicht tun.“ Er lächelte, so sonderbar, so einsam ... ic h wusste nicht, was ihm sagen. „Spielen Sie mir die Melodie, die die Welt bewegt?“ Er zögerte, nahm seine Flöte ... und Alina ging mit ihm. Eine stumme Wanderung in den sich neigenden Tag hinein. Wolken am Himmel, rote und schwarze, über uns hinwegziehend so eilig, so träge. Neben uns der Lärm einer nach Hause strebenden Großstadt – wir bemerkten ihn nicht. Am Fluss spielte er die Melodie des Lebens. Er und ich. Wie viele Menschen gingen vorüber?
Ich habe später noch oft bei ihm Tee gekauft, viel häufiger auch von ihm geschenkt bekommen. Bis er eines Sommers nicht mehr kam, und seine Spuren verschwammen. Oft – doch es war nie so wie damals ... als er mir jene Melodie spielte, für die er lebte.
Isotschka
(nach einer fernöstlichen Legende)
In einem fernen, fernen Land, dort jenseits der großen Berge, das so weit ist, dass all die Winterwinde wie Windhunde über die Fluren eilen, ohne nach wenigen Schritten ihren Lauf zu verlangsamen, lebten einstens ein Mann und eine nicht minder schöne wie junge Frau. Ein einfaches Leben war es, das sie führten – ein karges Hüttchen, eine kleine Wirtschaft fern der lärmenden Töne des großen hektischen Lebens, wie es die Städte jetzt kennen. Ihr Leben: nicht groß, nicht klein – so wie es gut war. Ein glückliches Leben zu dritt, denn da war auch ein kleines Drittes, das sie beide war und ihr stilles Glück vollendete.
Eines Tages musste der Mann eine große Reise antreten, die so groß und lang war, dass sie sich beide nur in ihren fernsten Gedanken vorstellen konnten, wie weit und lange sie wäre. Den Fluss hinauf, der hier schon so breit war, dass große Schiffe bei Sturm auf ihm in Seenot geraten konnten; an den Mündungen so vieler anderer großer und kleiner Flüsse vorbei. Immer weiter bis in jene Stadt, die nur aus Holz gebaut sein sollte und doch eine Stadt war. Ein langer Weg. Ginge der Mann ihn in der ihm gewohnten Eile, drei Wochen würde er währen. Drei endlos lange Wochen, denen noch einmal drei genauso lange Wochen folgten, bis er wieder bei ihr zurück wäre. (Wenn nur der Frost nicht zu früh käme.) Eine lange Reise, beschwerlich und mühsam. Zu schwer und beschwerlich, dass auch sie mitkönnte, um wie viel schwerer für ihre kleine, noch so zarte Tochter. „Nicht traurig sein, Isotschka, ich bringe dir etwas Schönes mit. Ein Spielzeug, das du noch nie gesehen hast. Und dir natürlich auch, meine Liebe. Etwas, das etwas ganz, ganz Besonderes ist.“ Anisija lächelte … genauso nachdenklich und sorgenvoll wie ihre kleine Tochter lachte voller Erwartung.
Wochen vergingen; lange ungewisse Wochen voll Bangigkeit, voll liebegefüllter Gedanken, die sie immer dann in die Ferne sandte, wenn sie fühlte, dass ihr Mann an sie dachte. Und das nicht nur in diesen Momenten. Tage voll Sorge, Kummer, Mühsal alleine, doch voll Stolz auch, war doch ihr Mann der Erste des Dorfes, der diesen langen Weg wagte.
Wochen, Tage und Stunden. Schon neigte sich der in diesen Gefilden so kurze wie heftige Sommer seinem Ende zu, schon begannen bunt sich die Blätter zu färben, schon nahte der ersehnte Tag seiner Heimkehr. Mit welcher Sorgfalt putze die Frau ihre Hütte, mit welcher Liebe richtete sie alles so her, wie sie es für richtig hielt, wie es ihm gefiele; wie sorgfältig kleidete sie ihr Töchterchen für diese Stunde, wie strahlend schön ihr kleines Antlitz. Und Anisija? Ihr schönstes Kleid legte sie an; jenes Festtagskleid, das sie nur zu ganz besonderen Anlässen hervorholte – aber heute war mehr als ein festlicher Anlass. Was war das für ein Wiedersehen, ein sich Umarmen, Erzählen, sich Freuen – als wäre all die innere Anspannung vergangener Tage und Wochen mit einem Mal in Sonnenstrahlen verglommen. Mit kindlicher Ungläubigkeit bestaunte Isa all das neue Spielzeug, das Papa aus der Stadt mitgebracht hatte, und sie noch nie gesehen hatte. Und Anisija? Ein Schächtelchen, in ihm dieses Geschenk, von dem ich euch schon erzählte. Erstaunt, ja fast ehrfurchtsvoll, nahm sie das mit allerlei Zierrat geschmückte Spiegelchen in die Hand, wendete es einmal, ein zweites Mal, ein drittes. „Wie schön es ist.“ „Genauso schön wie du bist.“ Anisija lächelte … „Das bist du. In der Stadt hat jeder so ein Spiegelchen im Haus oder gar in der Tasche. Und jetzt auch du, denn du bist nicht schlechter als all die dortigen Frauen.“ Anisija lächelte; mit diesem glücklichen, bezaubernden Lächeln, das sie über alle Frauen der Stadt, aller Städte, ja vielleicht gar des ganzen Erdballs hinaushob ...: „Du musst mir von ihnen erzählen. Nicht nur von ihnen … von allem, was du sahst und erlebtest …“ Ein Spiegelchen. Tagelang holte Anisija ihr Wundergeschenk hervor und betrachtete diese Frau, die so jung war, so schön, wie sie es sich nicht einmal im Traum erträumte. Ein kurzer Augenblick ihres Lebens, dann räumte sie das Geschenk in das Schächtelchen zurück und verbarg es in ihr liebstes und verborgendstes Eckchen. Wollte doch Anisija Anisija sein und nicht diese Frau, eingesperrt in ihren Spiegel.
So verging die Zeit – Monate, Jahre schon, in denen sich die Jahreszeiten die Hand reichten, als wären sie stablaufspielende Kinder. Bald schon hatte Anisija das Spiegelgeschenk in den tiefsten Winkel ihres Fühlens verpflanzt, ihr Mann hatte es gewisslich gar schon vergessen. War doch der Alltag zu mächtig oder seine Frau ihm zu allgegenwärtig in ihrer wirklichem Dasein.
Klein Isa wuchs heran, ein schon nicht mehr kleines Mädchen, das bald in die Schule käme. Und Isa war schön, genauso schön wie ihre Mama, genauso schön; genauso fröhlich und lieblich wie Anisija – oder viel schöner, umflog sie doch auch der Liebreiz des Kindes.
Aber all dies war nur ihr geheimes Wissen. Denn eines Tages waren auch Anisijas glücklichen Tage ausgeschöpft gewesen, und diese Krankheit, die sie schon seit Jahren im Verborgenen quälte, war vollends zum Ausbruch gekommen. Qualvolle Tage. Für Anisija, für alle, die sie sahen, die ihr zuredeten, sich doch endlich zu schonen. Und doch nur auf taube Ohren stießen und schließlich schwiegen, war Anisija doch Anisija und niemand anders.
Und die Tage vergingen, wie sie immer vergehen. Mal gleichmäßig schnell wie die Vögel am Himmel, mal behäbig langsam wie Schnecken und Käfer hier unten auf Erden. Der goldene Herbst wich schon willig dem Frosthauch des Winters. Noch floss der große gewaltige Strom in seiner beständigen Gleichmäßigkeit unweit des Dorfes, und doch schien es, als erzählten seine Wasser bereits von der dräuenden Froststarre des Winters. Und mit des Sommers schwindender Wärme schwanden auch die schwächer und schwächer gewordenen Kräfte der kranken Ehefrau und Mutter. Wie beschwerlich waren ihr schon die Tage geworden: der morgendliche Gang zum Wasser, zum Herd, wie unendlich mühsam des Tages Lasten. Länger und länger wurden Anisija die Minuten, in denen sie Ruhe suchen musste, in denen nicht einmal ihr bärenhafter Wille mehr auszureichen schien, ihre Kräfte zu bündeln. Ein paar Tage später war das Stechen in der Brust so stark geworden, das Atmen so schwer und das Reißen so stark, dass Anisija nicht einmal mehr des Morgens aufstehen konnte, und sie fühlte, es wäre nur mehr eine kurze Zeitspanne Leben in ihr verborgen. Und als dieses Gefühl so stark geworden, dass es Gewissheit war, rief sie ihr schon nicht mehr kleines Töchterchen zu sich: „Isotschka, mein Liebes, ich werde jetzt eine weite, weite Reise machen, viel weiter als Papa damals weg war, erinnerst du dich? Nicht nur bis zur Stadt, viel, viel weiter: bis ans Ende der Welt und noch viel weiter. Aber du darfst nicht traurig sein. So wie wir beide nicht traurig waren, als Papa fort war. Ich habe ein Geschenk für dich. Nur für dich allein. Geh zum Schrank, nimm den Stuhl, ganz oben, ganz hinten, dieses Schächtelchen, bring es mir.“ Und als Isa Mama das Erbetene reichte: „Ich werde jetzt ganz weit weg, Isa. Aber vergiss nicht: Immer wenn du in dieses Bild hineinsiehst, dann bin ich bei dir. Du kannst mir erzählen, mich etwas fragen, alles, was du willst. Ich werde es hören. Doch eines bitte ich dich: am Morgen und Abend erzähle mir alles, was du gesehen hast; gesehen, gehört, erlebt; was dich freut, was dich bedrückt – dann bin ich glücklich, weil du mich noch lieb hast, auch wenn ich nicht hier bin. Versprichst du es mir?“ „Versprochen Mama.“ Isas so groß, so dunkel gewordene Kinderaugen blickten lange auf Anisija. Mama war so seltsam heute. „Und wohin gehst du, Mamotschka?“ Was antworten auf solch eine Frage? „Erinnerst du dich an die Nacht, in der dir Papa zum ersten Mal die Sterne zeigte? ‚So viele!’, sagtest du, ;das sind, viel zu viele.’ Papa lachte: ‚Dann suche dir einen aus.’ ‚Den hellsten, der auch noch da ist, wenn alle schon weg sind!’ ‚Der dort ist es’, zeigte Papa am Himmel, ‚der Morgenstern.’ Klein Isa war zufrieden. Dorthin fliege ich. Irgendjemand muss sich ja um deinen Stern kümmern. Aber du musst hier sein – sonst kannst du ihn von hier aus nicht sehen. Verstehst du?“ Isa nickte. „Und noch etwas: Das, was ich dir gerade erzählte ist unser Geheimnis. Niemand anderes darf es wissen. Wer es auch sein mag! Einverstanden?“ Natürlich war Isa einverstanden. Wie einen Schatz nahm sie das Bildchen in die Hand. „Darf ich hineinsehen, Mama?“ „Du darfst.“ Und wirklich: Mama lächelte ihr entgegen. Wie viel jünger war sie, wie viel schöner als Mama, die jetzt so müde und geplagt aussah in den vergangenen Wochen. Nein, wie Mama gewesen war in ihren frühesten Erinnerungen. „Bist du das wirklich, Mamotschka?“ „Dummerchen, wer sollte es denn sonst sein?“
Mamas Lachen glich einen Moment lang ihrem Lachen in Isas Händen. „Mama, ich will nachsehen, ob mein Stern schon wach ist. Warte, gleich bin ich wieder bei dir.“ Anisija lächelte. „Und?“ „Er schläft noch!“ „Dann kann ich noch warten … Aber du, du geh jetzt schlafen. Vielleicht werde ich schon heute Nacht losfliegen, wenn dein Stern aufgewacht ist. Nur traurig darfst du dann nicht sein. Du weißt ja … unser Geheimnis.“
Lange konnte Isa an diesem Abend nicht einschlafen. So vieles hatte ihr Mama gesagt, so neues. Kalt war die Nacht, wie es nun einmal sternenklare Nächte über schneebedeckten Landen zu sein pflegen. Ein glitzerndes Lichterheer überzog das Nachtschwarz: helle Punkte und ein weißes Band, das den dunklen Himmel überzog wie breite Kratzer eine schwarze Platte. Irgendwo unter all den Millionen Sternen leuchtete ihr Stern, Isa erst sichtbar, wenn alle anderen gegangen. Ein langer Abend. Doch schließlich hatte auch Anisijas Tochter einen Traum gesehen … Die Wildgänse, dieser langgestreckte Winkel am Himmel, der zwei Mal im Jahr über ihr Haus flog, die Wildgänse waren zurückgekehrt. Mitten im Winter, nicht im Herbst, wo sie nach Süden flogen, nicht im Frühling, wenn wieder nach Norden. ‚Wohin fliegen sie, Papa?’ ‚Zum Morgenstern.’ ‚Und was machen sie da?’ ‚Sie müssen sehen, ob er noch hell genug leuchtet.’ … Ein Traum. ‚Sie müsste ihn Mama erzählen. Er war doch auch für sie wichtig’, fuhr es Isa durch den Kopf. ‚Ganz gewiss.’ Aber wie Träume nun einmal sind: am Morgen hatte Isa diesen ersten Traum schon lange vergessen. Die Wildgänse flogen. Nicht hier – nicht dort. Irgendwo Hunderte oder gar Tausende Kilometer weiter im Süden.
In jener Nacht brach Anisija zu besagter Reise auf, aber Isa war nicht traurig – wie sie es versprochen hatte. Nur ein wenig. Aber das würde ihr Mama sicher verzeihen. Die Tage waren so voll, so anders, so neu auch. Wie vieles gab es zu beobachten, zu erzählen, zu berichten. Des Abends, des Morgens zog sich Isa auf ihren Platz zurück, diesen Winkel zwischen Hütte und Mauer, den ihr Mama einmal gezeigt hatte, nahm den glänzenden Spiegel in die Hand, blickte ganz fest hinein – Mamas Gesicht antwortete ihr: Wenn sie ihr erzählte, erzählte auch Mama, wenn sie lachte, freute auch sie sich, wenn ihr Ärger und Wut ins Gesicht geschrieben war, war auch Mama nicht glücklich. Mama wusste, wie es um sie stand, und das war viel schöner als all die manchmal doch nur oberflächliche Freundlichkeit der anderen im Dorf. Auch wenn es noch schöner gewesen wäre, wäre Mama jetzt bei ihr. Doch das laut zu sagen, war ihr nur ganz selten möglich. Wollte sie doch Mamotschka nicht zu sehr betrüben ...
Isa – alle im Dorf wunderten sich, wie gefasst das Mädchen den Verlust ihrer Mutter ertrug, wie eifrig sie bemüht war, ein braves, tüchtiges Mädchen zu sein, zu werden oder zu bleiben. So wie sie schon immer gewesen war, so wie ihre selige Mama in ihren jungen und auch späteren Jahren. Doch niemand kannte das Geheimnis von Mutter und Tochter, denn Isa hütete es ganz tief verborgen in ihrem Herzen. Auch später noch, als sie schon lange begriff, dass alles ganz anders war … und sie es doch war, die sie anblickte, wenn sie in das Spiegelchen blickte. Isa, oder doch schon ... Anisija.
Zarjá und Zarjá
"А теперь подождите меня!" "Нет, не должна! Может быть, в следующем году". И все проворнее и проворнее убегала Заря от Зари, так далеко, что их разделяли почти целые дни. Но потом тоска Зари по сестренке стала так велика, что она бежала медленнее и медленнее, и Заря смогла подойти к ней все ближе и ближе - так близко, что в один день они почти соприкоснулись. Почти, только вдруг страх перед чужим, неосязаемым и запретным стал так велик, что Заря снова убежала. Как и в прошлом году. И даже многочисленные костры и веселые танцы людей не смогли убедить ее в том, что нет ничего лучше на свете, чем не быть больше одной. Они все не знают...
И все повторяется из года в год, до вечности.
„Nun warte doch einen Augenblick auf mich!“ „Nein, ich darf nicht. Im nächsten Jahr vielleicht.“ Und immer flinker war Zarjá vor Zarjá davongelaufen, so weit, dass sie fast ganze Tage voneinander getrennt waren. Aber dann war Zarjas Sehnsucht nach ihrer Zwillingsschwester so groß geworden, dass sie immer langsamer lief und Zarja ihr näher und näher kommen konnte – so nah, dass sie sich an einem Tag fast berührten. Fast, nur plötzlich war die Angst vor dem Fremden, nicht Fassbaren und Verbotenen so groß geworden, dass Zarja von neuem davonlief. Wie im vergangenen Jahr. Und nicht einmal die vielen Johannisfeuer und fröhlichen Tänze der Menschen konnten sie überzeugen, dass es doch nichts Schöneres auf der Welt gibt, als nicht mehr allein sein zu müssen. Sie alle wissen ja nicht ...
Und alles wiederholt sich Jahr um Jahr auf ewig und immer.
[Erläuterung: заря (zarja) bedeutet im Russischen allgemein die Röte des Himmels sowohl bei Sonnenaufgang als auch Untergang, also Morgenrot und Abendrot]
erzählungen-vom-leben
Kontakt:
alina linde
e-Mail: [email protected]
phone: +49 1776236162