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Janus 

(Eine Liebesgeschichte)  


Gar viele wunderliche Gestalten finden sich in unserem Städtchen.

Alte und junge, glückliche und vom Schicksal gebeugte. Auch jener Alte,

dort stets auf der Bank an der alten Linde. Janus will ich ihn nennen.

Natürlich war dies nicht sein Name. Doch auf den Straßen hier fand 
sich kein anderer ... * 

*

Wenn er nüchtern war, war er der beste Ehemann und Vater. Wenn nicht ... ich will es nicht sagen. Manu war sein Sohn, Ilinca seine Tochter. Ein Leben wie gar oft hier in unserem Städtchen; gelebt zwischen Arbeit am Tage, dem Wirtshaus des Abends, war vollbracht doch nun endlich des Tages alle Mühe. Jahre, die gingen. Eintönig und gleich. Bis eines Tages seine Frau starb und mit ihr der ganze Zusammenhalt der Familie. Und so war es rasch auch für die drei abwärts gegangen. Hunger, Kälte, dünne nur mit Mühe geflickte Kleidung, durchlöcherte Schuhe ...

Als erstes hatte Janus seinen einen Kopf verloren. Den falschen natürlich. Das Wirtshaus war stärker. Wie hätte es auch anders sein können. Und dann seine Kinder. Nicht dass er sie auch vertrunken hätte wie zuvor all sein Land, fast ihren gesamten Hausrat desgleichen. Das nicht. Dies wäre sicher später noch gekommen: Zuerst Ilinca, die dunkle schwarze Schönheit, für die es ohnehin schon mögliche Interessenten in Hülle und Fülle gab. Dann später auch Manu. Aber halt – soweit ist es nicht gekommen. Manu ist weggelaufen. Und mit ihm Ilinca. In jener Nacht, in der Janus Manu schlagen sollte wie niemals zuvor in seinem Leben. Warum? Weil Manu nicht wollte, was er von ihm verlangte. Er doch viel zu stolz war, mit ausgestreckter Hand durch die Straßen zu gehen, für seinen Vater zu betteln. Geschlagen. Geflohen ... und jetzt auf der Straße. Ilinca nur bei ihm. Diese Ilinca, die ihn nie aus den Augen ließ, was auch immer er tat, oder tun er nur wollte. Die an der Straßenecke stand, um aufzupassen, wenn ihr kleiner Bruder Fußball spielte; und sich gar mit Jungen schlug, wenn sie Manu bedrängten. Große Schwester ... 

*

Späte Amseln, die in den Bäumen noch sangen. Ein Sommernachtabend zwischen Tagesausklang und erst kommenden Dunkel.

Zuerst waren sie beide langsam schlendernd durch das Städtchen gelaufen; so wie fast immer, ja ganz vielleicht so, als wollten sie noch rasch zum Kramer unweit der Kirche gelangen, ehe er den Laden schlösse; blickte keiner auf sie, ein schneller Griff in die vollen Zweige der Kirschbäume zur Linken, eine Hand voll Kirschen, dann im Rennschritt weiter; nur weg hier – nicht ob der Kirschen, nein: bevor dieser Wüterich zu Hause ihre Flucht bemerkte.

„Wir werden auch so zurecht kommen." Ilinca lächelte schwer atmend, als sie endlich dem Städtchen entkommen waren. „Ist es nicht so, Brüderchen?“ Ganz fest hatte sie ihn an die Hand genommen, ihre Linke, auf dass sie sich nur ja nicht im Rennen verlören. In der Rechten einen Beutel mit allem, was sie im Gehen noch schnell zusammenraffen konnte: ein halber Laib Brot, ein Becher, ein Stück Speck, dieses Bildchen von Mama, ein Messer, Streichhölzer, die Kerze vom Tisch, die sie auf der Flucht ausgeblasen hatte, um es dunkel zu machen, in dem schon vorher dunkel gewordenen Haus. Jetzt auch noch ein paar Handvoll Kirschen... 

„Lass uns zur alten Mühle gehen. Dort sind wir sicher.“ Manu nickte. Ach wie ihm noch immer alles weh tat und brannte. Aber natürlich würde er es nie sagen. Auch Ilinca nicht. Natürlich nicht. Starke Jungen weinen nicht! Gerade deswegen. Sich also nur 'heldenhft' auf die Zunge beißen. So waren sie halt einfach nur ohne ein Wort Richtung Mühle gegangen: Durch schon schlafende Felder, an den Weiden vorbei, auf denen ihre früheren Schafe wohl jetzt schliefen. Nur immer recht leise, dass der Hund sie nicht hörte. Wie gut sie diesen Weg doch noch kannten. (Obgleich sie ihn niemals mehr gegangen waren, seit alles zu seiner Linken und Rechten seinen neuen Besitzer im Schenkwirt gefunden hatte.) Glühwürmchenlichter, die gespenstisch dort hinten tanzten. Manu schluckte: „Ich habe Angst, Ilinca.“ „Du wolltest doch immer erwachsen sein? Jetzt musst du es werden!“ Stark sollte ihre Stimme klingen, fest, energisch. Aber Ilinca – mit ihren vierzehn Jahren war sie doch auch nur ein Kind ... Im Finstern knackte Äste.  Ein Tier? Oder doch Menschen, die ihnen folgten ... Ein Käuzchen dort drüben, wie sehr es jetzt klagte. „Ich habe auch Angst. Sind wir in Sicherheit, lass uns die Kerze anzünden. Dann ist es leichter.“ „Ja, dann will ich dir auf der Mundharmonika spielen und du bist fröhlich.“ „Und wenn du dann einen Hut hättest, würde ich dir ein Stück Brot hineinwerfen. Und einen Becher Wasser will ich dir auch geben! Dann haben wir wunderbar zu essen und trinken!“ „Aber dann musst du singen!“ „Singen?“ „Sonst kann ich dir doch kein Brot geben!“ „Und etwas zu trinken?“ „Das auch ... natürlich, wenn du nur für Manu singst. Machen wir es so?“ „Ja, Brüderchen, so wollen wir es machen ...“ >>

*

Monate vergingen, Wochen. Vielleicht gar schon Jahre. In der Stadt sprach man schon lange von zwei Kindern, die so ganz anders waren, als all die anderen Kinder ihres Alters. Ein Mädchen und ein Junge. Sie – eine dunkle Schönheit, schwarz wie die Nacht, ihre Augen so blau wie der schon fast Nacht gewordene Abendhimmel über den Feldern und Wäldern. Er – ein schmaler Strich in der Landschaft, doch zäh wie der Schlamm am Ufer des Flusses, und nicht zu bezwingen. Ein Lamm seinem Äußeren nach, ein wilder Wolf doch, kam man nur irgendwie seiner Schwester zu nahe: „Wenn du sie auch nur anfasst, schlage ich dich tot.“ Und seine Augen, schwarz wie Kohlestücke, glühten vor Erregung. Keiner wagte sich heran an die beiden. Die Königin der Straße und ihr getreuer Gefährte. Zwei Kinder, so anders. Nicht und nirgends zu fassen.

Doch, wenn es Abend wurde, konnte man ihre Schauspiele bewundern: sein Harmonikaspiel, das selbst die lautesten Winkel der Stadt leise machte, und ihren Tanz, der mit seinen gewagten Figuren selbst die kühlsten Betrachter heiß werden ließ. Und während sie so tanzte, sang und lachte, ging Manu durch die Reihen, seine Harmonika klingend zwischen den Lippen, einen Hut in der Linken, sein Messer immer griffbereit der Rechten. Ilinca und Manu – nein, reich wurden sie nicht mit ihren Künsten. Doch Hunger mussten sie selten nur leiden.  

Tage um Tage, Abend um Nächte, in denen Manu den Kopf in den Schoß seiner großen, so unsagbar groß ihm erscheinenden Schwester legte und ihre rau gewordenen Hände ganz zart seine immer struppigen Haare durchstreiften. „Schlaf, Brüderchen, schlaf.“ „Sing mir noch etwas, Ilinca, bitte.“ „Ich will es tun. Aber dann musst du schlafen.“ Und Ilinca hatte all ihre Müdigkeit verscheucht und für Manu gesungen. Manchmal hatte er dann fast schon im Schlafen seine Arme gehoben und ihre langen schwarzen Haare über sein Gesicht fahren lassen ... Gesicht, Hals ... Manchmal hatten auch diese halbschlafenden Hände versucht, ihr Gesicht zu streicheln, versucht ... bis Ilinca ganz sanft seine Hände berührte, nahm, leise sagte: „Lass das ...“ Er hatte nicht verstanden, was dieses „Lass das ...“ bedeutete, doch Ilinca hatte seine Fragen nur mit Schweigen erwidert. „Sing doch weiter, Ilinca.“ „Ach, Brüderchen.“ Und immer tiefer einschlafend, hatte er leiser und leiser ihre Stimme gehört und sich vorgestellt, Ilinca wäre nicht Ilinca, sondern Mama, die endlich wieder bei ihm wäre. Wie früher, vor so langen Zeiten. Oder ... 

*

 Die Monate wanderten beiden, Ilinca und Manu, weiter und weiter; die Jahreszeiten mit ihnen: Frühling und Sommer. Ein Herbst dann, ein Winter. Jahre bald schon, in denen dieses so ungleiche Paar durch die weiten Lande zog, von Ortschaft zu Ortschaft, von Stadt zu Stadt, von Weiler zu Weiler. Tage – Abende – Nächte. Einander so ähnlich. So gleich stets ihr Leben. Nur Manus Träume waren anders geworden, nicht mehr die Träume des Kindes, des Knabens. Wild waren sie, voller Bilder, die er niemandem erzählen konnte und wollte, Ilinca am wenigsten. Doch seine gleichsam älter gewordene Schwester hatte auch dieses sein Schweigen gelesen. Wie sollte es auch anders sein bei ihnen beiden?

„Es wird Zeit, dass sich unsere Wege trennen, Brüderchen.“ „Warum, Ilinca?“ „Weil deine Träume schon fort sind; oder nicht dort, wo sie früher einmal waren.“ Manu hatte nichts zu antworten gewusst, doch seine Hand über den Erdboden streichen lassen, unbewusst Worte in den Staub schreibend, die Ilinca galten und doch nicht Ilinca. „Schreib so etwas nicht, Brüderchen“ „Warum?“ „Weil sie nicht hier ist, dem diese Worte gehören ...“ Sein schweigend-fragender Blick war niemandem Antwort. Sanft gab sie Ilinca: „Ich will sie wegwischen, damit sie aufbewahrt bleiben für die richtige Stunde.“  

Vergangen die Nacht. Ein neuer Tag, der ihr folgte.  So gleich, doch so anders als all die vergangenen Tage. Des Abends, Ilinca wollte nicht tanzen. Heute nicht, morgen nicht. Am dritten Tag trat sie schließlich vor Manu, ein fremdes Mädchen an ihrer Seite – schwarz wie die Nacht und wild wie ein Vogel. „Dies ist Iliana. Sie wird ab heute für dich tanzen. Spiel, Brüderchen, spiel. Wir haben so viel Geld verloren in den vergangenen Tagen. Und ich kann dir nicht tanzen. Spiel!“ Da begann Manu zu spielen. Nicht für Ilinca ... und Iliana zu tanzen: wie ein Vogel fliegend im Winde; ein Zicklein springend auf dem Feld; eine Schlange, sich windend auf dem Tuch ihres Meisters.

Da war für Manu die Welt stehen geblieben und er spielte wie noch niemals im Leben. Und dieses Mädchen, schwarz wie die Nacht, wild wie ein Füllen, dieses Mädchen, das all die Wochen zuvor am Straßenrand gestanden hatte, nur Manus Blick suchend (und Manus den ihren), hatte getanzt, getanzt, den Abend hindurch, bis es sank in Manus ihr entgegengestreckte Arme.  Ein Abend – wie im Fluge. „Lass uns gehen.“ Und Iliana war gegangen mit Manu. Eine sternenklare Nacht, in der Manu und Iliana unendliche Zeit lang keine Ruhe fanden ... Doch als sie am Morgen erwachten, war der Platz neben ihnen leer gewesen. „Ilinca – wo bist du?“ Aber ihr Rufen, all ihr Suchen, es blieb nur vergebens. 

 

Man erzählt sich, durch die Städte dieses Landes seien noch lange zwei Schausteller gezogen – ein junger Musikant und eine Tänzerin,  schwarz wie die Nacht, die tanzte wie eine Schlange, wie der Wind in den Blättern. Das Land durchstriffen sie beide, ein Körper, doch mit zwei so ungleichen Formen. Und in jedem Dorf, jeder Stadt, jedem auch noch so kleinen Weiler fragten sie: „Wo ist Ilinca?“ Doch keiner wusste Antwort zu geben. Denn überallhin kamen sie – nur an einen Ort nicht. Diesen Ort, an den Manu niemals mehr gehen hatte wollen. Wie könnte man es ihm auch zum Vorwurf machen ... In einem Bogen mieden sie das Städtchen. Doch wenn sie dort gewesen wären: Vielleicht wäre dann unter all den Zuschauern dort auf dem Marktplatz an der alten Linde auch eine Frau gestanden, schwarz wie die Nacht mit dunkel leuchtenden Augen, an ihrer Seite ein Mann, ergraut nicht nur ob des Verlustes seiner beiden geliebten und ihm doch verlorenen Kinder. Und diese Frau, schwarz wie die Nacht, hätte Manu und Iliana erkannt und doch geschwiegen, jenem ergrauten Mann neben ihr nicht sagend: „Schau, dort ist Manu.“ Genauso wie sie all die Jahre zuvor nicht eines dieser Worte zu jenem Mann gesagt hatte, dem als Magd sie jetzt diente: „Ich bin Ilinca, deine verlorene Tochter.“ Doch sicher hätte Janus auch dann Manu nicht erkannt. Denn sein Blick wäre auf dem Mädchen verharrt, jener Tänzerin, schwarz wie die Nacht, die sang und tanzte, wie nur getanzt und gesungen hatte vor so langen Jahren seine verlorene Tochter. Und seine Tränen hätten verdunkelt ihm die Augen. Doch Ilinca hätte auch dann noch geschwiegen ...   

*

 Man erzählt sich, durch die Städte dieses Landes seien noch lange zwei Schausteller gezogen – ein junger Musikant und eine Tänzerin,  schwarz wie die Nacht, die tanzte wie eine Schlange, wie der Wind in den Blättern. Das Land durchstriffen sie beide, ein Körper, doch mit zwei so ungleichen Formen. Und in jedem Dorf, jeder Stadt, jedem auch noch so kleinen Weiler fragten sie: „Wo ist Ilinca?“ Doch keiner wusste Antwort zu geben. Denn überallhin kamen sie – nur an einen Ort nicht. Diesen Ort, an den Manu niemals mehr gehen hatte wollen. Wie könnte man es ihm auch zum Vorwurf machen ... In einem Bogen mieden sie das Städtchen. Doch wenn sie dort gewesen wären: Vielleicht wäre dann unter all den Zuschauern dort auf dem Marktplatz an der alten Linde auch eine Frau gestanden, schwarz wie die Nacht mit dunkel leuchtenden Augen, an ihrer Seite ein Mann, ergraut nicht nur ob des Verlustes seiner beiden geliebten und ihm doch verlorenen Kinder. Und diese Frau, schwarz wie die Nacht, hätte Manu und Iliana erkannt und doch geschwiegen, jenem ergrauten Mann neben ihr nicht sagend: „Schau, dort ist Manu.“ Genauso wie sie all die Jahre zuvor nicht eines dieser Worte zu jenem Mann gesagt hatte, dem als Magd sie jetzt diente: „Ich bin Ilinca, deine verlorene Tochter.“ Doch sicher hätte Janus auch dann Manu nicht erkannt. Denn sein Blick wäre auf dem Mädchen verharrt, jener Tänzerin, schwarz wie die Nacht, die sang und tanzte, wie nur getanzt und gesungen hatte vor so langen Jahren seine verlorene Tochter. Und seine Tränen hätten verdunkelt ihm die Augen. Doch Ilinca hätte auch dann noch geschwiegen ...   

Die Mittagsfrau

 

Eine slavische Sage erzählt von der 'Mittagsfrau (pśezpołdnica)', die in der größten Mittagshitze den Schnitterinnen auf dem Feld erscheint, sie um Verstand und Leben zu bringen. Eines Tages stand sie drohend hinter einem Mädchen. Erschreckt blickte es auf: „Ich fürchte mich nicht!“ Die Mittagsfrau wunderte sich: „Erzählst du mir eine Stunde von deinem Leben, so wird dir nichts geschehen ...“
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Eines Tages hatte ein Mädchen während ihrer beschwerlichen Jätearbeit auf dem Felde die Mittagsstunde übersehen. Die Luft um sie flirrte, dunkle Wolken türmten sich bereits dort in der Weite. Unwetterdrohen und nur sie noch alleine. Fernes Donnergrollen. Noch diese Reihe müsste sie noch schaffen, dann könnte auch sie ... Plötzlich fühlte sie eine schwere Hand auf ihrer Schulter. Erschreckt blickte das Mädchen auf und sah die bereits ihre Sichel schwingende Gestalt der Mittagsfrau direkt an ihrer Seite. In einer raschen Bewegung sprang sie  auf, noch das eben aus der Erde gerupfte Unkraut in ihren Händen: „Ich habe keine Angst!“ Die weißgewandete Sichelfrau wunderte sich: „Auch vor der Mittagsfrau nicht?“ Mit funkelnden Augen erwiderte das Mädchen: „Vor niemandem und keinem.“ Die Mittagsfrau lachte: „Du gefällst mir.“ „Du mir aber nicht!“ Fast belustigt ließ die   

 Południca ihre Sichel sinken: „Wenn du mir eine Stunde von deiner Arbeit erzählen kannst, so soll dir nichts geschehen ...“ „Nichts leichter als das, warum sollte ich es nicht können? Aber vorher musst du die Sichel zur Seite legen. Sonst will ich nicht reden!“ Und wirklich, die Sichelfrau legte ihre Sichel auf den Boden. Rasch kreuzte das Mädchen die ihre über jener. Dann begann sie zu erzählen, sorgsam Wort um Worte wählend und bauernschlau in die Länge sie dehnend – eine Stunde.

„Dann höre gut zu ...“ Die Mittagsfrau nickte. „Der Flachs macht uns allen viel, viel Arbeit. Früh im Jahr, sobald der Schnee getraut ist und sich auch nicht sofortiger Neuschnee ankündigt, geht der Bauer auf das Feld, um den Flachs auszusäen. Zuvor musste er freilich erst das Feld vorbereiten. Gewissenhaft macht er sich an seine Arbeit. Schon im Vorjahr hatte er dafür die besten Körner aufgehoben. Ist dies alles geschehen, müssen wir Mädchen sogleich die Körner in die Erde eintreten, damit sie besser vor dem noch immer rauen Wetter und Frost geschützt sind, ja und auch, dass die immer hungrigen Vögel sie nicht sogleich finden und picken. Steht der Bauer zudem noch gut mit dem Pfarrer, kommt Hochwürden des Sonntags direkt nach der Messe vorbei, Feld und Saat seinen Segen zu spenden. Ein Glas Schnaps hilft dabei, sich zu diesem Dienst zu entscheiden. Natürlich wird später im Jahr auch ein Fläschchen Leinsamenöl nicht fehlen. Treibt alles dank Gottes Segen gut aus, beginnt für uns Mädchen die beschwerliche Arbeit, das Feld von Unkraut auszujäten. Der Rücken schmerzt, im trockenen Staub brennen die Augen, ja auch im frühen Jahr kann die Sonne bereits uns stechen. Tag um Tag, die wir auf die Felder gehen. Pass' nur immer auf, dass du jetzt in deinen Kauerschritten nicht strauchelst! Schon bald wandelt sich das Feld in ein Meer blassblauer Blüten, die sich sanft im linden Sommerwinden wiegen. Jetzt ist es schon nicht mehr weit bis zur Ernte: Früh des Morgens gehen da die Bauernfrauen und Mädchen hinaus auf das Feld, den reifen Flachs zu raufen, also ihn mit bloßen Händen aus der Erde zu reißen. Nichts soll verloren gehen. In der Sonne angetrocknet und zu Bündeln gebunden wird alles sodann von den Burschen in die Scheune gefahren. Jetzt beginnt das Riffeln, bei dem mit dem großen Riffelkamm die Leinsamenköpfe von den Stängeln gestriffen werden, um die Samen nicht nur zur Herstellung des Leinsamenöls von dem restlichen Flachs zu trennen und dreschen zu können. Aber das ist nur der Anfang der Arbeit: Jetzt werden die Stängel wieder auf dem Feld ausgebreitet, um sie mehrere Tage vom Wetter zu rösten, auf dass sich alles Holzige von den Stängeln ablöst. Doch nach dem Rösten müssen sie wieder trocken werden. Dafür alles schnell in die Sonne bringen oder im Ofen sie dörren. Jetzt kommt es zum Brechen, bei dem die noch gebliebenen holzigen Teile in der sogenannten Flachsbreche von den wertvollen Flachsfasern gebrochen werden. Wenn du jetzt meinst, das wäre nun alles an Arbeit, so muss ich dich wieder enttäuschen: Jetzt kommt es zum Schwingen, um die kurzen Fasern, die Hede, von den langen, dem Schwingflachs, zu trennen und dabei auch letzte Holzreste, die Schäben, zu entfernen. Rasch geht es weiter zum Hecheln, um in einer Art Eisenbürste die langen Fasern des Schwingflachs bündelweise weiter zu noch feineren Fasern aufzufasern. Fast ist es geschafft. Nein, der gehechelte Schwingflachs kann zum Aufbewahren bis zum Spinnen doch nicht einfach so liegen gelassen werden. Er ist ja so fein wie lange Mädchenhaare. Jetzt kommt die Stunde der kleinen Mädchen. Dürfen sie doch jetzt all das wertvolle Gut zu langen Zöpfen flechten, müssen sie doch nicht nur dafür, nein fürs ganze Leben das schöne und richtige Flechten erlernen. Doch wehe, wehe, wenn sie dabei nicht ordentlich arbeiten können oder wollen. Wie schnell gibt es da einen kräftigen Schlag nicht nur auf die Hände … Mittlerweile ist es schon Winter geworden, die Abende länger und kälter. Da wird das Spinnrad vom Speicher geholt, um ...“, das Mädchen stockte, „... ich könnte jetzt noch vom Spinnen und Weben erzählen ...“
Da hörte man vom Dorf her jenseits des Waldes die Kirchturmglocke einmal läuten. Voll der Anerkennung nahm die Mittagsfrau ihre Hand von dem Mädchen: „Du hast gewonnen, Mädchen.“ Genauso schnell wie gekommen verschwand sie in der Ferne. Nur zwei gekreuzte Sicheln erzählten davon, dass sie hier gewesen. 

Erzählprojekt: Die Mitternachtsfrau - Putins Krieg


In dem Erzählprojekt 'Die Mitternachtsfrau' soll  das Motiv der 'Mittagsfrau' aufgegriffen und auf das Erleben in Russlands Angriffskrieg (nicht nur) gegen die Ukraine übertragen werden.

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Die Mitternachtsfrau 

(Charkiv)

Vielleicht hatte sie nur den schwellenden Ruf der Nacht überhört … oder ihn hörend nicht wahrgenommen. Bleischwer legte sich eine Hand auf ihre Schulter. Das Mädchen erstarrte …

‚Shenja, Ryna, wir müssen …“ Energisch rüttelte Mama Irynas kleinen Bruder auf, um ihn mit sanftem Druck auf den Gang zu befördern. Was weiter? Die Taschenlampe dürfte sie nicht vergessen (oder lag sie schon draußen?), Shenjas Stofftiere … „Und du?“ Ryna schüttelte den Kopf. „Ich höre die Nacht …“ Mama seufzte; seit ‚dem Ereignis‘ war mit ihrer Älteren wirklich nichts mehr anzufangen. „Dann komm später, du hast wohl noch ein paar Minuten.“ „Ja, Mama …“ Fast abwesend nickte das Mädchen. Irgendetwas war geschehen. Nur was? Die kalte Berührung schien auch jetzt nicht zu vergehen. (Also war es nicht Mama gewesen.) 'Die Nacht hören'. Angespannt blickte Ryna auf die dunkel-hell-graue Welt vor dem Fenster. Die große Stadt. Sie wollte und wollte vertraut ihr nicht werden; wie lange Wochen sie jetzt auch schon hier waren. (Shenja hatte bereits am ersten Tag seine neue Heimat erobert und war schon wenig später bei seiner neuen Spielplatzfreundin eingeladen worden, hatte … Und seine große Schwester?) Nicht-ankommenwollen. Am ersten Tag hier in Charkiv hatte sie Mama beim ‚Ankommen‘ geholfen, war mit ihr endlos durch diese neue Stadt gelaufen, am zweiten schickte Mama sie schon allein auf den Markt, in die Läden; am dritten ging es dann auch online mit dem Unterricht weiter. Des Abends war sie dann so müde, dass sie schlafen hätte können, als wäre sie ein Siebenschläfer in Winterzeiten. Aber der Lärm vor dem Fenster war zu laut gewesen. (Die Angst desgleichen.) Nicht, dass ihr das unbekannt wäre. Das nicht. Aber hatte er hier nicht etwas zu bedeuten? Sicherlich! Der alles durchdringende Ruf der Sirenen, das Surren der Drohnen-Vögel (daheim waren sie immer weggelaufen, wenn sie sie hörten, irgendwohin, hoffend, sie wären zu unwichtig, um verfolgt zu werden), die fliegenden Bombendrachen und Raketen (ein Junge in der Metrostation wollte ihr gestern alles erklären; sie hatte abgewinkt, wollte sie es doch nicht von ihm hören); der dräuende Ton, wenn sie irgendwo kreischend einfielen (oder zuvor noch vom Himmel geholt wurden), der so heftig plötzliche Druck der Luft, vor dem auch alles andere ‚mitwegweichen‘ musste. Die Stunden danach, wenn alle … (Wenn jetzt nur nicht ein zweiter Angriff folgte!) Nein, man müsste ihr nichts mehr erklären. Sie hatte die Nacht gesehen. Gehört. Gefühlt. Den Tag desgleichen. Auch Mamas Flucht auf den Flur würde doch jetzt nichts ändern … wenn … vielleicht. Nicht vielleicht. Sie, Ryna, musste die Nacht besiegen. Die Angst. Erneut hörte sie den Warnton schwellen … wieder … Wellen, die entgegen ihr liefen. Ryna starrte in das Nichtdunkel vor ihren Augen. Die kalte Hand auf ihrer Schulter wollte noch immer nicht weichen. Tief unter ihr schien die Stadt gefangen zu liegen. Angst kann dich lähmen. Erstarren, Gleichgültigkeit, Aufgeben. Gestern sind sie in die Metro gegangen. Geblieben. Auch als sie schon wieder gehen hätten können. Vorgestern. Ihr Notebook auf den Knien, irgendein Rohr bohrte in ihren Rücken. Der Junge wollte ihr sicher imponieren. Meinte er doch, schon die Welt zu verstehen. (Oder war es nur überspielte Angst gewesen? Vielleicht.) Ostentativ vertiefte sich Ryna in die Multiple-Choice-Aufgabe auf dem Bildschirm: „Що є правильним? Познач хрестиком! – Was ist richtig? Kreuze an!“ … Ryna seufzte. Jetzt wäre eine richtig lange Aufgabe besser gewesen: „Запиши речення з вправи 2a у свій зошит – Schreibe die Sätze von Aufgabe 2a in dein Heft!“ Früher hatte sie Schule nur hassen können. Jetzt war sie ihr quasi zur Lebensschnur geworden. Warschau, Berlin, Prag, Tallinn sogar, von anderen Orten nah und fern ganz zu schweigen. Fremde Heimaten. Und ihre? „Wenn wir dort sind, wird alles besser werden“, hatte Mama gesagt, als sie wenig nach ‚dem Ereignis‘ den Zug hierher bestiegen. Der Drache war lachend auch hier schon gewesen. Eisenvögel, sie surrten und zischten, ehe … gleitende Bomben … Heute waren sie also in der Wohnung geblieben. Warum? War auch Mama schon müde geworden? (Sogar Mama?) Ein Gang zwischen Wänden. Mehr nicht. Nein, sie wollte nicht dorthin gehen! „Ich höre die Nacht …“ Angst? Gleichgültigkeit? Resignieren? „Ungezogene Göre!“ Oder … Vom Gang her hörte sie Mama leise rumoren. Die Matratzen auslegen, Shenja noch einen Tee ausschenken, die Kekse und Bonbons, die er so liebte, seine Stoffkatze … Restalltag versuchen sozusagen …

Von neuem schien sich jene kalte Hand auf Ryna zu legen. Dem Mädchen schauderte, unwillkürlich riss sie ihren Körper nach oben: “Ich fürchte mich nicht.“ Die Mitternachtsfrau sah sie erstaunt an: „Gut. Wenn du mir eine Stunde von deinem Leben erzählst, soll dir nichts geschehen …“ „Allen?“ „Jetzt hier, meinetwegen … solange du redest …“ Ryna schluckte. Sie musste … „Ich will es versuchen …“ Die graue Gestalt lachte. (Oder schien es nur so in jener Sekunde?) Etwas war in Bewegung. Nur was? Langsam begann das Mädchen zu sprechen … Worte, die nur zögernd ihrem Mund entrinnen … sie musste sich konzentrieren … weiter, Ryna, nur weiter … ein kleiner Bach, schon bald war er größer geworden … ein kleiner Fluss … Worte … Sätze … weiter … es gibt auch Flüsse, die umkehren wollen … Nein! …„Wohin willst du noch gehen, Rynakind?“ „In die Nacht hören, Mama.“ „Ach, Ryna!“ Ihr Mädchen könnte sie jetzt eh nicht aufhalten … Und so war die kleine Elfe Irynka in die Nacht hinausgegangen. Der Wald ist mein Bruder! Klagend schallte ihr der Ruf der Eule entgegen; das Käuzchen rief aus der Tiefe, ein Ast knackte im Dunkeln. (Waren es ihre Füße, die ihn knickten?) Lange Schatten, die sich gespenstisch vor Mondstrahlen wiegten, das leise Wispern eines Baches dort drüben. („Grüß dich, meine Gute.“) Und schon war sie weiter … „Du bist spät, Irynka.“ „Ja, Grunka, so viel ist anders geworden.“ Der Feldmarschall des großen Elfenreichs nickte: „Du sagst es …“ Geschäftig huschte eine Maus durch das letztherbstliche Laub vor ihren Füßen; auch sie war noch spät auf den Beinen. „Was befiehlst du, Elfenprinzessin?“ „Du weißt, ich will nicht befehlen …“ „Aber du musst es lernen.“ „Mhm.“ Das Mädchen überlegte. Was sollte sie sagen? „Ich befehle, dass alles so wird, dass es gut ist …“ „Ein schwerer Befehl, Irynka …“ „Ich weiß. Du musst ihn erfüllen!“ „Ich will es versuchen.“ „Tue es … bitte …“ Der Feldmarschall nickte. Mit raschem Schritt verschwand er im Dunkeln … Ryna stockte …

Die Sirenen heulten. Ein langer, gleichbleibender Ruf. Die Mitternachtsfrau nahm ihre Hand von Rynas Schulter. „Du hast …“ Fast zögernd öffnete Mama die Türe: „Zum Glück ist nichts geschehen …“ Ryna versuchte zu lächeln: „Ja, Mama.“ Sie würde ihr nicht sagen, dass gar nicht fern von ihnen ein Haus brannte … oder auch mehr … Die Mitternachtsfrau war hier gewesen …

Die Mitternachtsfrau - oder Albinoni in Kyjiw


 Bleischwer legte sich eine Hand auf ihre Schulter. „Also …“ Oksana erstarrte. Ja, auch sie müsste es versuchen. Trotz der Dunkelheit überall um sie, der Kälte; der Müdigkeit so vieler wacher Nächte; der fast schon chronischen Hoffnungslosigkeit, ja Verzweiflung. Aber Ryna in Charkiv ging es ja auch nicht viel besser! Und Dunja in Odessa. Also nicht jammern. Früher hatte sie ihren Cello-Lehrer nur gehasst, wenn er sie dazu zwang, alles auswendig zu spielen. (Als ob es nicht schon schwer genug wäre, etwa Bachs Solosuiten mit Noten zu spielen!) Pure Schikane also und noch mehr Auswendiglernen: Gedichte in der Schule, im Cello-Unterricht Vivaldi, Bach … nicht einmal bei Beethovens Cello-Sonaten konnte sie sich durchsetzen, Schumann-Fantasien, Dvorak, Saint-Saëns, Elgar … Alter Lehrer eben, Generation SU. Da ließ sich nichts machen. Woher hätte Oksana auch ahnen können, dass genau das jetzt so unendlich wichtig ihr würde. Die Augen schließen und Finsternis wurde zu Tönen. Nacht um Nacht. Mama hatte schon aufgegeben, sie bei Alarm mit auf den Gang zwischen geschlossene Wände zu drängen. Dunkel, Angst, es könnte … (Was?) In der Ecke kauern, eine Decke über den Kopf, Musik, Gedichte in den Ohren … an Schlafen, Lernen und Lesen ist jetzt eh nicht zu denken … „Oksana …“ Noch immer lag die kalte Rechte der Mitternachtsfrau auf ihrer Schulter: „Dir wird nichts geschehen, wenn du …“ „Ich kann nicht erzählen!“ „Aber …“ Oksana überlegte, sollte sie nicht … jetzt störte es doch ohnehin keinen mehr, wenn sie auch nach zehn Uhr nachts noch Cello spielte. Selbst hier in einer Neuntestockwohnung mit nur Dünnewandwänden! (Die alte Hexe aus der Nachbarwohnung, die stets um Punkt zehn klingelte, wenn sie noch spielte, würde sich ja jetzt vor lauter Angstschlottern nicht einmal bis zur Wohnungstür wagen!) Und wenn jetzt eine Bombe oder Drohne genau hier in das Haus einschlüge, dann wäre es eh gleichgültig, ob sie hier musizierte oder nur im Gang auf einer Matratze oder im Keller wäre. (Oder etwa nicht?) … „Also, was ist? Ewig tu‘ ich nicht warten.“ „Ich will es probieren …“ Die Mitternachtsfrau nickte: „Gut.“ Also Bach gegen Putin! Oder Vivaldis Konzert in a-moll (allein die ersten Takte würden gewiss jede Drohne vertreiben), Beethoven-Variationen (dumm nur, dass sie die genaue Reihenfolge der Variationen nicht mehr wusste, vielleicht fehlte sogar die eine oder andere … egal), so vieles andere … es klappte … (Wie gut doch, dass sie einen Sowjetlehrer gehabt hatte!) … Was konnte sie noch … weiter … und plötzlich ein Traum – ihr Traum: Albinonis Adagio in g-moll, Nacht um Nacht … bis Frieden wäre. Natürlich würde sie sich hier in Kyjiw nie wie Vedran Smailović damals im belagerten Sarajevo mit dem Cello auf die Straße setzen, natürlich würden … zweiundzwanzig Tage nicht reichen! (Aber eigentlich war das auch nur eine unwichtige Seite.) Nein, sie Oksana, konnte nicht gut erzählen. Aber Cello konnte sie spielen! (Nicht nur irgendwie, sogar Preise hatte sie schon gewonnen …) Und nachtdunkelschwarz konnte es ruhig sein, sie konnte ja auswendig spielen! Doppelpunkt … Note um Note wurde die bleischwere Hand auf ihrer Schulter leichter. Ja, Ryna hatte recht gehabt – die Mitternachtsfrau würde auch mit ihr nicht die Geduld verlieren … bis Entwarnung und bis Frieden käme …sicherlich … Und jetzt wären sie ja auch schon zu zweit … hier-da … Ryna-Oksana … sie müssten Tausende werden … 






Unsere Deutschlern-Geschichten


 "Kurz weg ... oder Deutsch im Ausnahmezustand"

 „Ich bin dann mal kurz weg …“ Wie zur Entschuldigung hält Ryna ihre App in die Kamera, sogleich verschwindet ihre Kachel auf dem Bildschirm. Gerade dass wir ihr noch ein rasches „Pass‘ auf dich auf“ nachrufen können. In zehn Minuten wird sie sich wieder bei uns einloggen. Hoffentlich. Wenn sie dort unten in der Metrostation einen einigermaßen ruhigen Platz gefunden hat und natürlich Netz auch. Deutsch im Ausnahmezustand putin’schen Wahnsinns, Mychailo rollt mit den Augen: Partnerarbeit braucht eigentlich einen Partner, der nicht in einer völlig anderen Stadt ist, das auch, und nicht während des Unterrichts schnell vor Luftangriffen flüchtet. Die anderen arbeiten seelenruhig weiter. Anfangs ist es auch bei ihnen anders gewesen. Aber eigentlich betrifft es sie ja nur am Rande. Ryna, Mychailo – normalerweise säßen unsere beiden ‚Ukrainer‘ jetzt irgendwo daheim in ihren Klassenzimmern und nicht wie zusammengewürfelt vor dem Bildschirm in Charkiv und Tallinn. Aber was ist schon normal in solchen Zeiten. Dass Jugendliche (samt ihren Müttern, nicht aber Vätern!) unfreiwillig und erzwungenerweise zu Weltenbummlern werden? Dass man sich daheim (oder binnenvertrieben – was für ein seltsames Wort?!) irgendwie schon an Krieg und täglichen Luftalarm gewöhnt hat (kann man das überhaupt?), eine neue Lebensroutine? Dass man hier wie dort auf die Informationen einer Warnapp schaut, wie andere auf Instagram oder TikTok? Dass der Anblick von Trümmern und Zerstörung beinahe schon nichts mehr Ungewöhnliches ist, das besonders auffällt? Man sich in der Fremde plötzlich in irgendwelchen ‚Willkommensklassen‘ wiederfindet und versucht, zumindest online mit der Heimatklasse noch Kontakt zu haben? Dass Freunde und Verwandte so fern sind, das Leben so anders geworden? Und die Welt auf einmal so weit ist. Oder so eng … und du nicht mehr sicher sein kannst, wie es morgen sein wird, in zwei Stunden, ob … und das mit gerade fünfzehn Jahren …

Ryna wird jetzt in die Metro hinunterlaufen, zu ihrem Stammplatz in der Ecke eilen, dann schnell ihren Laptop hochfahren und auf unsere Plattform gehen … ihre Kachel erscheint wieder auf dem Bildschirm: „Bist du schon fertig mit der Übung, Myscha? Mir ist gerade noch ’stufenweise, schrittweise, unfairerweise und abschnittsweise‘ eingefallen. Hast du das schon?“ Der Junge schüttelt den Kopf. „Krrchh … was machst du denn überhaupt, Myscha?“ „Ich habe …“ „Typisch Jungs …“; energisch wendet sich Ryna an mich: „Das nächste Mal will ich mit Tiia eine Gruppe bilden oder mit Svenja oder Viia!“ „Mal sehen … übrigens, ‚unfairerweise‘ zählt nicht …“ „Aber …“
In der nächsten Stunde wird Ryna sicher wieder darauf bestehen, nur in eine Gruppe mit Myscha eingeteilt zu werden. Auch okay … was sich liebt, das neckt sich, würde man da vielleicht in friedlichen Zeiten sagen. Mag sein … Aber dann wären sich die beiden wohl niemals begegnet. Auch wenn es nur virtuell ist. Aber was ist schon normal in solchen Zeiten …

"Was passt - oder Deutsch zusammen ..."

 „Что подходит? Посмотрите в словаре – Was passt? Schlagt im Wörterbuch nach.“ Ryna seufzte. Ausgerechnet heute hatte sie ihr Wörterbuch vergessen. Warum auch. Mischa würde es ja ohnehin mitnehmen. (Braver Junge!) Aber wer konnte schon ahnen, dass sie es brauchen würde? Und vor allem: dass Mischa gerade heute nicht mit ihr zusammenarbeiten sollte. Reflexive Verben. Irina sah sie auf dem Bildschirm mit großen Augen an. Okay, von Ira könnte sie jetzt nichts erwarten. Also alleine mit dieser blöden Übung kämpfen. Ohne Wörterbuch! Und Mischa war mit Tiia zusammen! Ausgerechnet Tiia, die schon immer auf ihn schielte. Jetzt hatte sie den Salat. Zuckerpuppe, was wusste die denn vom Leben? Nichts. Oder hat die erlebt, was sie hier erlebte? Was es heißt, nicht im Frieden zu leben? War die jemals Hals über Kopf geflohen? (In den Keller, in die Metro, in eine fremde Stadt wie sie, oder gar in ein anderes Land wie Mischna) Nein. Wohlstandskind! Ja, gestern war sie dumm gewesen, als sie … und das nur, weil sie sich über Mischa geärgert hatte. „’Aussuchen‘?“ Irina blickte sie an. „Was?“ „Reflexiv?“ „Weiß nicht.“ Oder natürlich nicht. Große Irina-Augen auf der Kachel. Auch-blöde-Kuh. Dieser fremde Junge von letzter Woche starrte sich auch schon wieder die Augen an ihr aus. (Kapiert der denn nicht, dass sie sich nicht für seine Erklärungen interessierte! Und auch nicht für ihn. Hier sind hunderte Menschen. Nicht nur sie!) … Wenn sie jetzt zuhause wäre (nicht hier in Charkiv, nein in ihrem Dorf bei Sumi!), dann wäre ihr Kätzchen sicher schon auf ihren Schreibtisch gesprungen, während sie sich immer noch mit Deutsch abkämpfte. Vor dem Fenster tanzten dicke, weiße Flocken; morgen würde sie vor allen aufstehen, um als erste in den noch unberührten weißen Schneepanzer vor der Türe zu treten. Konjunktiv … Wie mag es Surinka nur gehen? Schon seit Monaten hatte sie nur Bilder gesehen … „Ryna, heißt es: ‚Mir gefällt oder mich gefällt’“ „Mich, nein: mir“ „Danke. Und bei ‚äußern‘, wie ist es da?“ Ryna rollte mit den Augen. „Nie gehört.“ „… выразить auf Russisch.“ „Ich spreche kein Russisch.“ „Aber du bist doch aus Russland.“ „Ukraine.“ „Das ist doch das gleiche.“ „Neeeiiin.“ „Aber bald …“ Jetzt sich nicht aufregen: „Kannst du mal die Klappe halten?!“ „Verstehe nicht.“ Ruhig bleiben – sich beruhigen, sich beherrschen, sich nicht ärgern. „Frag Mischa, der hat ein Wörterbuch.“ „Aber der ist doch mit Tiia zusammen …“ „Aaahhh ….“ Wie weit ist es von Charkiv nach Tallinn? Luftlinie natürlich! Zu weit. Gut, vielleicht sollte sie sich also an diesen Waffenspezialisten-Jungen wenden, um sich nach einer Gleitbombe oder besser noch Hyperschallrakete zu erkundigen. (Nein, das passt nicht!!) … Der Junge sah besorgt zu ihr hinüber: „Hast du dich verletzt? Die Rohre hier sind nicht ganz ohne.“ „Nein, alles in Ordnung. Ich ärgere mich nur über eine Deutschaufgabe … und das Lexikon hab ich auch vergessen …“ „Verstehe.“ „Wirklich?“ „Deutsch ist manchmal blöd. Unlogisch …“ Der Junge lächelte. „Stimmt …“ Eigentlich war er wirklich gar nicht so unsympathisch, wie sie gemeint hatte … „Was machst du gerade?“ „Reflexive Verben“ „Oh je … ‚ich mag dich‘.“ „’Du gefällst mir.’“ „Beides nicht reflexiv. Übrigens, ich bin Shenja.“ Langsam klappte Ryna ihren Laptop zu. (Netz zusammengebrochen werden sich die anderen jetzt denken. Egal.) „Aber ’sich unterhalten‘. Und ich Ryna.“ „Bingo … Darf ich mich zu dir setzen?“ „Wenn du willst …“ Passt das? … Vielleicht müsste sie das nicht einmal im Wörterbuch nachschlagen … 

     

Warum dieses Buch für mich wichtig ist ...

eine etwas andere Buchrezension
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Eine nicht ganz ernst gemeinte Lehrbuchempfehlung: 

 Rozmovy bardo łatwe dla chcących się uczyc Niemiechiego i Polskiego jezyka 

 
Wir schreiben das Jahr 1802. Die Teilung Polens unter seine drei Nachbarn Preußen, Russland und Österreich ist schon mehr als ein halbes Jahrzehnt Wirklichkeit und Sie sind als junger Mann aus gutem deutschen Hause zum ersten Mal im jetzt russischen Warschau. Eine beeindruckende Stadt, die Sie mit all ihren Sehenswürdigkeiten auf Anhieb fesselt und vor allem: schon seit Tagen diese Schönheit, die mit Ihnen an der gleichen Haltestelle auf den Bus ins Zentrum wartet. Heute lächelte sie Ihnen zu. Und Sie standen da wie ein begossener Pudel. Eine bescheidene Situation. Als gebildeter Bürger fällt Ihnen jetzt sicher nur Shakespeare ein: „Ich hätte Sprachen lernen sollen, statt fechten, tanzen, Bären jagen!“ Nun ja, einen Bären haben Sie vermutlich kaum in natura gesehen. (Vielleicht einmal an der Seite eines ziehenden Schaustellers, im Tierpark oder gar nur im Fernsehen!) Fechten war Ihnen immer ein Graus in der Universität und auf Bällen waren Sie schon immer das Mauerblümchen. Aber das mit Sprachen? Warum nur konnten Sie kein Polnisch! Englisch würde erst viel später zur Weltsprache werden, Russisch verstand diese Schönheit sicher genauso wenig wie Italienisch und Deutsch! Und Ihr Französisch – nun ja, eine kleine Katastrophe. Was tun? Nur zurücklächeln und sich fest vornehmen, sich bis morgen die wichtigsten Grundlagen polnischer Konversation anzueignen. Nur wie? ‚Langenscheidt’ sollte erst mehr als ein halbes Jahrhundert später gegründet werden. (Ganz zu schweigen von anderen Lehrbuchverlagen!) Aber es musste doch irgendwelche Hilfsmittel geben! Also hetzen Sie in einen großen Buchladen im Innenstadtbereich. Und siehe da: Zum Glück ist gerade jetzt ein neues deutsch-polnisches Konversationslehrbuch erschienen, in dem fein säuberlich die (nicht nur für Ihre Situation!) wichtigsten Redewendungen aufgelistet werden. Welch ein Glücksfall ! Als hätte der Autor Ihre Nöte erahnen können! Schnell das Büchlein kaufen, sich in ein Café abseits des Straßenlärms setzten und das Lehrwerk zur Hand nehmen:
Lektion eins: ‚Einen zu willkommen.’ Wichtig! Lektion zwei: ‚Um sich anzukleiden.’ Wohl (noch?!) unwichtig! Also lieber gleich zu Lektion fünf gehen: ‚Von der deutschen Sprache’ (‚Verstehen Sie die Deutsche Sprache wohl?’) Sehr wichtig! Genauso wie die fünfte, sechste ... Der Kopf raucht. Aber was tut man nicht alles für die Liebe!
Und dann am nächsten Morgen: "Dzień dobry WaćPannie Dobrodzieyce. Jak się imasz?" Und Ihre Angebetete? Nur mit großen, ungläubigen Augen hat sie Sie angesehen! (Vielleicht war Ihre Aussprache noch ungenügend, oder die Frage nicht ganz richtig gestellt?) Doch dann: „Entschuldigung, ich verstehe kein Polnisch.“ (Auf Deutsch wohlgemerkt!) „Dann ist es ja viel einfacher, als ich dachte. Und ich habe mir extra ein Polnisch-Lehrbuch gekauft, um mich mit Ihnen unterhalten zu können!“ Vielleicht würde ihre Gegenüber dann wieder dieses Lächeln aufziehen, das Sie schon seit Tagen ganz anders machte: "Wirklich? Was halten sie davon, wenn wir gemeinsam lernen ...“
Es war, als hätte die immer etwas blechern wirkende Stimme Ihres Navigators gesprochen: ‚Sie haben ihr Ziel erreicht.’ (Aber das kommt ja erst zwei Jahrhunderte später.) 


Spass beiseite! Wie mir dieses auch kulturgeschichtlich nicht uninteressante deutsch-polnische Konversationsbuch von 1802 in die Hände fiel, war ich erstaunt über seine „moderne“ Konzeption und Didaktik, die (natürlich sprachlich und ein wenig inhaltlich der heutigen Situation angepasst) durchaus mit so manchen jetzigen Vertretern seiner Zunft mithalten könnte. Ganz unabhängig davon, dass es einfach vergnüglich ist, die Textchen der Lektionen mit heutigen Augen zu lesen.
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Rozmovy bardo łatwe dla chcących się uczyc Niemiechiego i Polskiego jezyka / Sehr leichte Gespräche für die welche die Deutsche und olnische Sprache lernen wollen. Warszawie : Ludwig Koch, 1802. Eine ISB-Nummer gab es damals noch nicht und der Band ist wahrscheinlich auch schon länger vergriffen ...
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Sarmatische Landschaften : Nachrichten aus Litauen, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland. Herausgegeben von Martin Pollack. Frankfurt a. M. : S. Fischer, 2005. ISBN 978-3-10-062303-4 


Man stelle sich vor: ein riesiges Reich, sagen wir von der Ostsee im Norden bis zum Schwarzen Meer im Süden, von der Weichsel bis zum Don (vielleicht sogar noch weiter nach Osten – aber darüber wollen wir nicht streiten) mit vielen Millionen Einwohnern, einer mehr oder minder ausgeprägten kulturellen und historischen Gemeinschaft (auch wenn sie später immer wieder auseinandergerissen und zerstückelt wurde), einer lebendigen und fast schon als Ideologie zu deutenden Weltsicht und einem Selbstverständnis, das seinen Weg zwischen den Nachbarreichen genauso einschloss wie gegen sie abgrenzte. Ein sicherlich vielfältiges Land mit Menschen verschiedenster Herkunft und Religion; einer Kultur eigenständiger und doch mit den Nachbarn verbundener Prägung. Man stelle sich vor, dieses Land gäbe es. Ein großes Land. Vielleicht hätte es diesen Namen: Sarmacija – Sarmatia, wie es der polnische Universalgelehrte Matthäus de Miechow in seinem zu Beginn des 16. Jahrhunderts gedruckten „Tractatus de duabus Sarmatijs Asiana et Europiana et de contentis in eis“ beschrieb. Natürlich wissen wir alle, dass es einen solchen Staat 'Sarmatien' nie gab und dass der mit ihm verbundene Begriff 'Sarmatismus' in erster Linie eine Idee innerhalb der polnisch-litauischen Res publica der frühen Neuzeit war, die (wie fast jeder ‚ismus’) seine eigene Dynamik entwickelte. Vielleicht fragt sich jetzt mancher: ‚Was hat das alles mit uns heute zu tun?’ Nichts. Oder sehr viel. Und wenn sich jetzt Falten auf seinem Gesicht zeigen, will ich zu erklären versuchen: Viel, weil sich in uns potenziellen Sarmaten irgendwo ganz verborgenen noch immer ein Gefühl versteckt, das nach einem gemeinsamen nichtrussischen, nichtdeutschen Fundament sucht, mit dem wir uns herumschlagen und dann (vielleicht auch einmal) identifizieren können. Ja mehr noch, weil wir uns irgendwie auch ein wenig als europäische Sarmaten empfinden, auch wenn wir jetzt unseren neuen bunten Pässen nach zuerst einmal etwa Polen, Litauer, Belarussen oder Ukrainer sind. (Vorausgesetzt, wir machen uns darüber ernste Gedanken!) Die Betonung liegt auf 'europäische' – und hier bekommt diese ganze verstaubte Ideologie eine metaphysische Bedeutung ...
In dem von Martin Pollack herausgegebenen Sammelband „Sarmatischen Landschaften“ bieten junge Autoren aus Polen, Litauen, Belarus, der Ukraine und Deutschland ganz individuelle Einblicke in ihre nach Identität suchenden und zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schwankenden Heimatländer. Ein faszinierendes und zum Nachdenken anregendes Panorama einer vielfältigen Kulturlandschaft im Umbruch, das selbstironische, fragende, suchende aber auch kritische Töne nicht ausschließt; und Länder, Menschen und Identität(skrisen) erklären will und dabei mehr oder minder deutlich ausgesprochen einen gemeinsamen Grundton zu vermitteln sucht: Wir sind ein großer (Kultur-)Raum, der durch gemeinsame Vergangenheit und Wurzeln auch heute noch miteinander verknüpft ist, um seine Identität zu ringen hat und sich verletzt fühlt, wenn neue Grenzen die überwunden gehofften alten zu zementieren versucht. Vielleicht ist es genau das, was ich meinte, als ich sagte, wir seien alle noch ein wenig 'sarmatisch' ... Europa endet nicht an den nun noch hermetischer bewachten Ostgrenzen EU-Europas, sondern irgendwo weiter im Osten. Wo genau mag dahin gestellt sein, nur sicher nicht dort, wo jetzt seine Grenzen liegen. Weil politische Grenzlinien immer willkürlich sind und die Menschen in Ländern diesseits und jenseits von ihnen ganz anders. Oder im Grunde ganz ähnlich.
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Galerie 


Folgende Erzählungen finden sich auf dieser Seite:

- Eden brennt
- Halina (oder die Weise von Krieg und Frieden)
- Die Königin

- Anisija-Sommer
- Die Geschichte von Anisija und Isa
- Isotschka, oder die Erzählung vom Morgenstern
- Im Spiegel
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Eden brennt



Flackerndes Licht, das im Halbdunkel leuchtet ...  gegen Windböen ankämpft ... ein beständiges sich Heben und Senken. Gestern achtete ich noch, die Kerze nicht umzuwerfen ... trotzdem ... Wachs auf hölzernem Boden ... eine leckende Petroleumlampe ... Papier ... zaghafte Flammen, die sich neue Wege suchen ... um mich ... Eden brennt ...  jenseits mir ... und kein Engel ist da, mir zu helfen. Nicht mehr. Sind armastan ma, heißt ich liebe dich, Bogdan ... Immer noch ... oder gerade deswegen. Oder sollte ich es in einer anderen Sprache sagen, heraus schreien: "Rakastan sinua - Tabje kachaju!!"   Aber vielleicht können Männer auch dies nicht verstehen – von Frauen oftmals ganz zu schweigen. Dass ich keinem der elf Burschen einen Vorwurf mache, sie hatten ein Recht auf die Sache, Punkt. Das Gesetz der Straße. Auch wenn es nur grausam und brutal war, was sie taten. Mir antaten … an jenem  Horrorabendnachtundfrühenvormittagmorgen, als draußen schon erste Frühlings-blumen blühten. Doppelpunkt. Und doch! An ihrer Stelle hätte ich genauso gehandelt, hätte mich in die Reihe eingereiht und das getan, was getan werden konnte. Ein Spiel, ein jeder der elf musste sich vor den anderen beweisen, musste stark sein, stehen – ihr versteht, was ich meine – konnte all seine Wünsche und Irrwünsche ausbreiten, sich erfüllen. Ein Vergnügen? Für alle? Vielleicht nur bei der ersten, zweiten und dritten Runde. Und dann? Kannst du dann ausscheren? Plötzlich Schwäche zeigen, auch wenn du es möchtest? Einfach so. Den Schwanz einziehen. Schluss und zu Ende. Geht das? Wenn du einer von elf in deinem Rudel bist? Wenn … Komisch – vielleicht war alles für mich (ab einem gewissen Punkt!) doch leichter, als jeder Widerstand sinnlos geworden, als der achte, neunte, zehnte, elfte und wieder erste sich mit tierischer Lust und Unlust über mich hergemacht hatte, alle Grenzen sich langsam immer weiter in Grenzenlosigkeit auflösten, dieser süße Geruch, Gestank, Schweiß alles verdeckte, der Schmerz, den sie in mich rissen. Kaltes Wasser, wenn ich wieder in Bewusstlosigkeit abtauchte, versank und weiter. Durch die Ritzen in der Bretterwand konnte ich einzelne Sterne glitzern sehen, helle Punkte in schwarzer Umgebung, erste Sonnenstrahlen auf den Holzbrettern, von Wand zu Wand erst Stunden später, eine Kerze in der Ecke, die ein dumpfes Grundlicht spendet, Taschenlampen dazwischen, die im Dumpfdunkeln aufblinkten,  durch die nicht vorhandene Türe für Sekunden auf uns beiden ruhten, dem Typen auf, in und um mir – der Teufel ist ein Voyageur – sein Zauberwasser verströmte, kam gleich der Nächste. Schön der Reihe nach. Wummernde Musik aus dem Transistorradio an der Wand gegenüber. Manchmal schlossen sich auch zwei zusammen, um beide gleichzeitig von Mara zu haben. Und wehe, wenn es zu lange dauerte, bis die anderen an die Reihe kamen. Schauten, sie in der Zwischenzeit Pornos, um rechtzeitig bereit zu sein, wenn sie wieder kommen durften? Sollten? Oder wie macht Mann sich sonst heiß in solchen Momenten. Typisch Frauengedanken. Elf erregte Krieger – gewiss, ich wäre Nummer zwölf gewesen, wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre. Ganz gewiss. Und wehe dieser Mara vor mir auf dem Boden, ich hätte …  hätte ihr das Leben noch mehr zur Hölle gemacht, nur weil ich es jetzt konnte. Und mehr wüsste als alle zusammen. Aber stopp – denken Männer nicht wieder ganz anders in solchen Fällen? Jene Mara war jung,  schön, wunderschön (wie sogar die Jungs anerkennend sagten), unnahbar, unerreichbar bis zu jener Sekunde. Was also? Vielleicht wollten sie wirklich nur dieses verbotene Mädchen dort kosten, genießen … Was weiß ich, was, womit sie denken. Sie hatten das Recht. Darauf. Mehr ist nicht zu sagen. Punkt. Ich hätte sie vernichtet, Marina, ausgelöscht, hätte ... Vodka, Kleber, vielleicht auch mehr – irgendwann fiel es sogar Stärksten immer schwerer, in mich zu dringen. Elf und eine. Nur Bogdan stand an der Seite, scheinbar teilnahmslos zusehend, was sie machten; wie sie mich fest hielten, damit ich mich nicht gegen  das letztlich doch Unvermeidliche zu wehren suchte, wie alle Grenzen aufgehoben, Grenzen, in die ich mich zuweilen selbst zu verlieren drohte; auch wenn mein Ich sich dagegen wehrte! Wehren müsste, hätte müssen, hätte … Hat es das wirklich ganz und glitzegenau jede Sekunde dieser Horrornacht lang getan? Ganz ehrlich, Marina. Gab es nicht doch, einen winzig kleinen Teil in mir, der … Oh Gott, was sage ich, werden jetzt die Leute über mich denken. Denken, wenn ich von jenen Nachmittagen am Bahnhof zu erzählen beginne, Abenden, die alles andere als schön für uns waren … Und doch gab es danach Sommerabende, in denen wir, Leena und ich uns nach getaner Arbeit (wenn wir das geforderte Geld zusammen hatten!) noch in die Touristenströme einreihten und kleine Straßengören wurden? Nicht weil wir auf diese Weise noch schnell an Geldbörsen herankommen konnten, nein, oder doch nur ein wenig, nein, weil es einfach auch ein geiles Gefühl war, unsere nur spärlich bedeckten Rundungen an eine Männerbrust zu drängen, zu fühlen, welche Macht wir über sie hatten, weil … Doch genug, ich will nicht von Banalem reden. Also zurück: Bogdan stand dabei, als sie mich vergewaltigten; alle elf seiner (unserer!) Gruppe, einer nach dem anderen und wieder von vorne in der Reihe; mein Bogdan, eine Zigarette nach der anderen zwischen den Zähnen, vielleicht waren es auch andere Dinge. Der Chef, der nur einen Augenblick Schwäche gezeigt hatte, etwas gut zu machen hatte gegenüber der Clique, etwas sehr großes, das nur mit einer Gegengabe aufgegolten werden konnte: Marina, die Königin! Er hätte es mir sagen müssen, vorher sagen! Ich hätte ihn angeschrien, geschlagen, wohl genau dorthin, wo es ihm ganz besonders weh täte, hätte geschluckt, wie ich, wie wir es tun mussten. Und alles wäre besser gewesen, oder zumindest millionenmal besser als alles, was noch geschehen  sollte. Bogdan hat mich verraten, sogar Bogdan – vielleicht war aber genau dies Teil der Abmachung, die die zwölf über mich trafen. Dreifach-punkt. Und als ich an jenem Abend unwissend von allem aus Tallinn zurück kam … ich glaube, Sergej ist der erste gewesen oder Aleksandr ganz gleich, meine Gegenwehr ist nur so lange  sinnvoll gewesen, bis ich merkte, dass etwas anders war gegenüber den vergangenen Tagen; dass Bogdan mich abgegeben hatte – in seinem Maße. (Seltsam, auch in dieser Zeit grenzenloser Freiheit herrschte noch ein Maß an Regeln. Und wehe, einer der elf hätte gegen die unge-schriebenen Gesetze verstoßen – bis dahin, dass die untersten nach getaner Lust, den Wassereimer in die Hand gedrückt bekamen und klaglos zum Meer hinübereilten, um Salzwasser für Mara zu holen …) Und als alles ausgestanden schien, unsere Körper, mein ich, schon lange jene Grenze zwischen hier und  nirgendwo überschritten hatten, aus dem Körper sogar der Stärksten nur noch Wasser in jene fast willenlose Puppe dort zu dringen schien durch die schon merklich geschwächte Röhre, hatte Bogdan sich aus seiner Starre gelöst, hatte seine gefühlt tausendste Zigarette in einem ein letztes Mal aufglimmenden Bogen zur Seite geworfen, hatte mit einer undeutbaren Handbewegung der Rechtlosigkeit Einhalt gegeben. Schluss, aus. Seltsam, keiner traute sich auch nur ein Zeichen von Widerspruch zu geben. Und dann? Soll ich weiter erzählen, berichten, wie ... Nein. Bogdan, mein Bogdan, sein Messer, ein gutes Messer, nein, warum musste er auch dies noch von mir verlangen? Nur um seine Macht wiederherzustellen? („Seht – ich kann es“) Um zu beweisen? Was? Dass er trotzdem das Ruder führte? Und sogar Marina machte, was er verlangte. Mhm. Für alles, was du tust, musst du einen Preis zahlen. Diesen! Wie groß kann Hass sein, wenn vor ihm sogar die größte Liebe in Staub verfallen kann … ich bin eine Schlange … Himmel und Hölle … du hast mir so weh getan, Bogdan, so unendlich weh, doch halt, habe ich überhaupt noch ein Recht, über all das zu reden … Keiner der elf Jungen, die sich mir in den Weg stellte, als ich langsam durch ihre Reihen schritt, ein blutiges Messer in der Hand: als Zeichen der Tat, der Macht, meiner Stärke. Marina, die Königin, in Strähnen das Haar, nur in Eile zusammen geraffte Kleider, die ihren geschundenen Körper bedeckten. Keiner ahnte, wie es in mir aussah in jener Minute. Hinaus, weg von hier, irgendwohin. Schritte hinein in das Dunkel. Oder war es schon wieder Tag geworden. Ich weiß es nicht. Einerlei. Das Salzwasser brannte, als ich versuchte, all den Schmutz auf mir abzuwaschen. Kühle die Ruhe spendet. Ein wenig. Äußerlich. Keiner, der mir folgte … wusste doch jeder, dass es besser wäre, wenn sich ein Teppich des Vergessen über das Geschehen legte, wenn … Eden brennt. Um mich. Möwen, die über mir kreischen, als ich wieder auf trockenes Land zurückkehre. Steinchen, die meine Füße erregen, ein wellengrundeter Stein, auf den ich mich setze, langsam mich wieder in Kleidung hüllte. Raue Wolle auf blanker Haut. Wunden, die noch immer brennen. Wellen, die dem Ufer entgegen streben. Wie weiter? Eine Schachtel Streichhölzer in meiner Tasche. Sie in die Hand nehmen. Rote Köpfchen. Drei, vier, fünf ... Ein Entschluss. Stunden, die ich am Strand entlang irre, zweifle, hin und her, ohne Ziel, ohne Richtung. Orientierungslos. Als würde Bogdan mich verfolgen. Bogdan, mein Freund, mein ... Habe ich überhaupt noch ein Recht, ihn in mir zu tragen,  zu denken?  Verflogene Momente. Laut schreien die Möwen über mir zwischen Himmel und Erde. Gellend, kreischend, nur ihnen wohl zu verstehen. Irgendwie lassen sich keine Entscheidungen treffen. Jetzt … ? Wo steht geschrieben, dass Täter nach ihrem Tatort streben. Ein Päckchen zwischen den Fingern. Eine schwankende Stiege, elf Stufen, oder sind es zwölf gewesen ... Marina ...

Feuerzungen, die auf dem Boden züngeln, um sich greifen, besagter Lampe zustreben. Gestern Nacht sind wir hier alle noch in trauter Runde zusammen gewesen. Vorgestern. Vor einer Woche.  Leere Flaschen, die von alldem künden, Chipstüten, Fastfood-Schachteln. Zigarettenstummel. Gebrauchte Kondome. Seltsam, dass manche sie auch gestern benutzten, vorgestern. In normalen Zeiten wäre Mara jetzt mit ein, zwei Plastiktüten zu den Containern in die Stadt aufgebrochen. Vielleicht hätte sie auch einen der Burschen dafür zwangsverpflichtet.  Auch wenn sie nur gemurrt hätten, ob einer ihrer Ansicht nach so unsinnigen Sache. Hätte ... sie sind wohl alle rasch verschwunden. Seit jenem Moment, in dem Mara ... Stunden nur, die mir wie Ewigkeiten wirken. Bogdan, ich … wohin werden sie ihn wohl gebracht haben? Irgendwohin. Nicht irgendwohin. Ich weiß es. Er wird nicht der Erste sein, den sie dort finden. Ein Unfall. Doch was hilft es, darüber zu reden? Nichts ist gewesen. Gar nichts. Auch mit Marina ist nichts geschehen. Oder alles. Das Schweigen der Straße. Was ist stärker als Liebe. Hass? Gleichgültigkeit? Vergeben? Sich Erinnern? (An dich? An uns beide?) Ich kann es nicht sagen ...

Flammen, die mich immer enger einkreisen. Dunkler Rauch, betörender Schleier. Auch ich muss bald ins Freie fliehen. Jetzt. Ehe es zu spät ist. Feuernacht. Eden brennt. Lichterloh. Wo bist du mein Engel? Du schweigst? Oder bist du niemals bei mir  gewesen? Rakastan sinua - ich liebe dich, Bogdan, immer noch ... wann konnte ich es dir ein erstes Mal sagen? Damals, als wir im Abendlicht durch die Innenstadt gingen, Sommer, Sonne, lange Nächte, nein, nicht Hand in Hand, wie ich es mir nicht nur manchmal erträumte (du wolltest es nicht ... warum? ... zu kindisch ... oder doch zu nah eben ... wie damals, als ich dich vor aller Augen im Cofféeshop mit dem haarumfluteten Mädchen umarmte, gleich noch einmal, die Schlange war lang, die mit uns für einen Kaffee mit Namenszug auf dem Becher anstand; ellenlang, so dass ich dich gleich ein weiters Mal umarmte, als ich merkte, wie du erstarrtest ... dich wegzudrehen versuchtest ... "Komm lass" ... ein Becher Kaffee, halbvoll zum Milchauffüllen, ein Cookie zudem, to-go alles ...  ein Hinterhof, den ich zuvor noch nie gesehen hatte, ein Treppenaufgang, drei steinerne Stufen ... Bo-Ma (ich bin eigentlich schon immer die Kleinste hier in Kopli gewesen - zumindest im Bezug auf die Größe) wenig später zurück auf die Straße, wo ich dich aus purem Übermut fast in ein Schaufenster schubste ... ein Moment der Überraschung ... Mara war es nur recht, als du mich abdrängtest ... fort von dir und fast über die Bordsteinkante eilig gingen wir weiter als sei nichts gewesen. Ein Kaffee-to-go-Becher blieb zurück auf einer Hinterhoftreppe. By-by, aber Bogdan trank ja ohnehin Kaffee nur schwarz ohne Zucker. Ein Verlust also zu verschmerzen. und doch ... Sind armastan ma - ich liebe dich. Immer noch. Nächte, die du mir raubtest (Nicht nur, wenn wir sie gemeinsam verbrachten.) Tage. Wer hatte mir erzählt, dass Gedanken einander halten. Fest halten. Auch wenn ich dich viel zu oft hasste. Wenn ich die Stimme eines dritten hörte etwa, den du mir wieder zuführtest. Wozu brauche ich nicht zu sagen. Hast du verstanden, warum ich mich danach nicht nur einmal wie ein wildes Tier auf dich stürzte? Dich zu zerfleischen suchte. Dich auszusaugen. So wie ich war. Als wollte ich all den fremden Schmutz auf dich tragen. Mit dir vereinen, dem es doch nichts auszumachen schien, wenn ich mich mit anderen vereinte. ("Wenn du mich liebst, musst du es machen. Du liebst mich doch?") Was du dabei fühltest? Unersättliches Weib, wie du vielleicht in diesem Augenblick meintest. Bin ich dir dadurch lästig gewesen? Unverständlich? Ein neues Rätsel. Einerlei, ma rakastan sinua, trotzdem, gerade deswegen. Es gibt Dinge, die Männer niemals verstehen. Begreifen wollen, begreifen können. Du ...

Flammen, die mich zärtlich umarmen ... zu verschlingen suchen ... Bogdan, dein Blut ... warum hast du mich verraten ... ein Messer, das ich in Händen halte ... gutes Messer ... Eden brennt ... ich komme ...



 

Halina,
oder
die Weise von Krieg und Leben 



 Lange siehst du mich an und lächelst. „Wer bist du?“ „Der Wind deiner Träume.“ „Wo haben wir uns schon einmal gesehen?“ „Irgendwo.“ Ein zarter Lufthauch durchfährt meine Tränen. Trägt sie hinweg. Auch ihr werdet fliehen. Fort von hier. Entgegen euch namenlosen Zielen. Klein ist mein Land. Viel zu klein für so viele Herren; zu klein auch, willst ihnen entfliehen. Ihrem Denken, Wünschen,. Habenunswollen. Euch.
Seit Wochen schon durchziehen Soldaten die Weiten unserer Moore, Sümpfe, Wälder, durch Zeit und mangelnde Hände gewüstete Felder. Tag um Tag, Nacht um Stunde. Überallhin.
 „Wohin zieht ihr?“
 Meine Stimme verfliegt in von mir drängendem Eilen. Schnell seid ihr fort. Weiter, weiter, weiter. In den Tag hinein, in das Dunkel eures Soldaten-Krieg-Lebens. Wohin?
 „Nirgendwohin!“, höre fern ich euch schreien. Verlorene Rufe. Der Wind trägt sie zu mir. Weiter sodann. Ich starre in sich wolkentürmenden Regen. Sturmwetterdrohen. Später, wenn die Wolken sich leeren. Irgendwann. Ich habe alle Zeit schon lange verloren. Die Menschen auch, das Leben. Seit ihr mir mein Leben nahmt. Dort ... ohne mir dafür anderes zu geben denn Schreckensbilder, die mich fern von euch jagen. Weg von hier, wo mein zu Hause gewesen. Mein ich. Irgendwohin. Wie weit ist mein Land, wie kalt, vertraut und doch schon fremd mir geworden. Mein Dorf. Alle sind vor euch geflohen. Groß ist der Wald. Und weit sind die Moore. Nur ich bin alleine. Du. Im Abendrot seid ihr erschienen, eine Blutspur hinter euch, sie weiter zu ziehen.
*
 Rot ist die Nacht, grell leuchten die Flammen. Denn hinter euch soll nur der rote Hahn noch krähen: laut, schrill, schreiend. Später glimmend in verkohlenden Bohlen.
„Warum bist du nicht geflohen?“
„Wohin sollte ich fliehen?“
Fünf dunkle Gestalten um mich, müde vom Tag, glühendes Blut in den Adern.
„Was tut ihr hier?“
„Du darfst uns nicht fragen ...“
Und so schweige ich. Beharrlich. Ernst. Gehorsam. Nur meine Augen suchen, die Wahrheit zu heben.
*
Kalt ist die Nacht, heiß schwirrende Luft im Schatten lodernder Katen.
„Ich will es nicht machen ...“
Müde blickst du mich an, deine Finger streifen zart meine Wangen.
„Warum tust du es dann?“
„Was stellst du für Fragen?!“
Du ... ich. Immer näher willst du mir werden ...
„Du musst es erzählen.“
„Was soll ich dir sagen ...“
Wortlos willst du mir nah sein. Schweigend. Alleine. Und dein ferner Herr hält uns seine Reden. Hart, gebieterisch, uns doch nicht zu verstehen: „Weil ein Herr uns sagt: ‚Geht in das Land, vernichtet den Feind, denn er will uns zerstören.’“
Ich schweige. Wir. Nur meine Augen schreien: Wort um Wort ... Silbe um Silbe: „Und ein anderer sagt von ihm und den Seinen das Gleiche. Ist dem nicht so?“
Du nickst: „So ist es ... und wir ...“ – deine Hände suchen nach Frieden. Ich will ihn dir geben. Später, wenn das Feuer allein niedrige Schatten noch wirft, und die Welt nur noch wir ist, du nur und ich, wir ... dann ...

„Wohin werdet ihr ziehen?“
„Irgendwohin. Dorthin. Überall.“
Es knistern die Flammen: leise, gierig, verschlingend. Vier Augenpaare, die über sie hinweg auf uns starr. Fragen stellen ... ohne auch nur ein Wort zu sagen. Ich, du ... weil sich die Welt nur noch uns dreht, jetzt. unsere Welt. Morgen wirst du von mir gehen. Irgendwohin. Du musst es nicht sagen. Ich weiß es. Du – ich. Weil wir heute zusammen gehören. Deshalb. Deswegen. Auch du solltest verstehen: mich, dich auch. Jetzt! ...

Streng hebst du den Blick, befiehlst dem Jüngsten, nach dem Rechten zu sehen. Hart ist auch dein Wort geworden. Gebieterisch. Alle wissen, verstehen. Es gibt kein Wider-reden. Nur ich brause auf: „Du kannst es auch anders befehlen!“
Wie du zusammenzuckst ...
„Ich habe verlernt, normal zu reden.“
Ich will dir nicht glauben ... schreie in den Wind dir entgegen: „Macht euch der Krieg so?“ „Ich muss es erst wieder lernen ...“
Wie lange wir schweigen ...
*
Schattengestalten tanzen um uns. Die anderen gehen, um Holz nachzulegen. Überallhin. Unser Dorf ist klein ... doch groß genug für euer Begehren. Wisst ihr denn nicht, was eure Flammen verzehren? Ställe, Türen, den Querbalken des Brunnens, unsere hölzernen Schalen. Seht ihr es denn nicht? Oder wollt ihr alles sehend und bewusst zerstören?!
*
Schweigen. Kälte umgibt mich. Feuerzungengestalten. Sie klagen, beschwören. Wortlos, gespenstisch, nur mir zu verstehen. Klagen mich an: „Was tust du hier?“ „Ich? Ich träume von Frieden ...“ Nichts. Was soll ich noch reden? Fremd bin ich allen geworden. Mir auch. Wie nah die Tiere mir sind, jetzt, die Schafe, die Ziegen, die vor euch durch die Dunkelheit fliehen. Die Menschen auch, andere. Doch was unterscheidet sie jetzt noch von jenen? Heimatlos. Verloren. Doch wenn ihr fort seid, werden sie wiederkehren: langsam, vorsichtig, voller Angst zunächst. Voller Wut sodann, voller Tränen. Dann werden auch sie versuchen, wieder neu zu beginnen. Wieder ... neu ... Oder werden sie fort von hier gehen? Ich kann es nicht sagen. Ich. Doch mich werden sie von sich stoßen. Bin ich doch hier geblieben. Im Nichts, Untergang – um euch nicht zu fliehen. Bei euch. Was hat mich nur dazu getrieben?
*
Dunkel wird die Nacht, kalt. Hört ihr schon das Käuzchen schreien? Dort. Es ist Zeit, eure Wachen zu schieben. Eins nach eins, nach eins. Nur wir werden die Nacht nicht mit Schlafen verbringen. Weil du ich bist und ich du. Und du mir versprochen hast, von allem zu erzählen. Ich will dir zuhören, all deine Bilder nie mehr verlieren. Weil auch ich dich zwingen werde, niemals mehr durch die Welt zu gehen, ohne mich zu denken. Weil es nur eine Waffe gegen Krieg, Hass und Gewalt gibt auf Erden: einander verstehen, verzeihen, lieben, sich sehnen. Ich werde es dich lehren! Dich ... alle Wege, die ich dir heute Nacht zu erforschen offenlege. Auch du wirst verstehen. Später, wenn deine Nebel sich heben.
*
Dunkel die Nacht. Wolkenverschleiert wachen die Sterne. Lass’ den Mond noch ein wenig seine Herde durchschreiten. Wir haben Zeit. Dann woll’n wir beginnen. Vier Krieger im Kreis. Du. Niemand wird im Wege uns stehen. Die anderen schweigen.

 Das Käuzchen schreit. Ein dumpfes Wehklagen. Du hörst es nicht. Wie schnell die Stunden verfliegen. Leicht ... schwer. Du ... ich. Wir. Das Käuzchen schreit ... du willst es nicht hören.
*
Finsternis. Nur die Holzstücke glimmen. Fremde Augen starren mich über die Glut hinweg an, fern, verlangend. Ich will es nicht sehen. Fühle ich doch, was sie bittend erflehen. Einsamkeit ist weiß ... oder rot wie das Blut, pocht es rufend in den Adern. Du wirst mich nicht finden. Gehöre ich doch nicht dir, nicht dem, der dir folgen wird, nicht jenem dritten und vierten. Keiner wird es wagen, von sich aus jene unsichtbar gezogene Linie zwischen uns zu durchqueren. Keiner. Wieso sollte ich von mir aus diesen Schritt dann wohl gehen? Ich bin hier ... euer Denken zu quälen. Wie ihr mich, uns, die wir ob eurer Wut und Maßlosigkeit unser Leben verlieren: hier, dort, überall. Nur, weil es fremde Worte befehlen! Eure. Ich will euch quälen ... jetzt ... Fremde Augen, die fast alles erzählen. Gar nichts. Ich will sie nicht hören. Nachtmorgengrau – schwach atmen die Flammen. Weißt du, wie es schreit, wenn sie dich langsam verzehren? Weißt du es? Ich will euch Einsamkeit lehren. Nichtvergessenkönnen. Jetzt ... komm her! Siehst du nicht, wie ich dich zu mir rufe? Jetzt ... um sodann dich abzuwehren. Wie klein du doch ohne deine Waffen bist, wie schwach ... ich werde euch niemals gehören ...
*
Rot leuchtet der Tag: ein schmaler Streifen erst am Horizont, siehst du ihn – bald werdet ihr von mir gehen. Weg von hier. Nur ich bleibe zurück. Alleine. Ohne dich, mein fremder Freund. Nichtfreund. Aber meine Gedanken werde ihr mit euch führen. Überall hin. Wohin auch immer, ich sie tragen werde. Ein neuer Tag. Kommt her, alle, lasst uns Abschied nehmen ...
*
„Nimmst du mich mit?“
„Warum?“
„Weil wir zusammen gehören. Du – ich. Weil ich bei euch bin geblieben.“
„Ich kann nicht. Du weißt es.“
„Ja, ich weiß.“
Lange siehst du mich an. Deine Augen, sie schreien: wortlos, bitter, voll Hoffen, Verlieren: „Aber ich werde wieder kommen, dich zu mir zu holen. Dorthin, wo wir zu leben beginnen.“ Irgendwo. Ich weiß. Nirgendwo. „Ich will auf dich warten.“
Abseits stehen wir beide. Vier Kameraden, es warten auch sie. Auf dich. Oder meinen Befehl dir, von mir zu gehen.
*
Goldenes Licht verbirgt seinen rotklaren Schleier. Zaghaft, langsam, unaufhörlich. Ein neuer Tag. Auch du musst ihn fühlen: hell, klar. Doch all die Wolken siehst du nicht, gegen ihn ziehen: dunkel, bedrohend, alles Licht in Abgrundtief ziehend.

„Geh’ jetzt – ich werd’ auf dich warten.“
„Ja ... ich ...“
„Versprich nichts, du wirst es nicht halten.“
*
Weiter, weiter, weiter – durch Tag, Land, Moore und Weiten. Heimatlos bin ich geworden. Ihr. (Wie fern seid ihr mir schon lange geworden!) Blutrote Wolken, die hinter euch ziehen. Tag um Tag. Gestern, vorvorgestern ... morgen. Auch jetzt noch. Nur ein Funken Erinnern ist mir noch geblieben. Sehnsucht ... die euch nicht gegeben. Hinein in die Welt, hinein in das Leben.

„Wo bist du?“
Ferne Donner, sie grollen von jenseits der Berge. Überallher. Von dort auch, wo ihr euer Handwerk vollbringt ohne Denken, Wollen, ohne Wärme, Erinnern.
Aber ich stehe hier – alleine, verstoßen. Weil ich bei euch bin geblieben. Damals ... voll meiner Träume. Diesem Traum!
Vergessen.
Dein Bild, ich kann es noch sehen.

„Wer bist du?“
„Der Wind und die Tränen. Die Feuer der Nacht. Nähe und Wärme.“
Ein Augenblick – hast alles vergessen: Krieg, Morden, Verheeren. Hass auch. Dein jetziges Leben.
„Wo bist du? Ich warte. Wo bist du geblieben?“
Du wirst nicht wiederkehren. 



Die Königin


Die Königin. Wenn sie ihren Kopf nach Hinten warf, war die Antwort gegeben. Und keiner wagte zu widersprechen. - wie viele es auch waren. Und wenn sie nach der Vorlesung loszogen, Jungen und Mädchen, hatten selbst die ‚Coolsten‘ der Burschen keinen Augenblick an Larissa gezweifelt. Die Königin – stolz, entschlossen, ohne wenn und aber, umsichtig zugleich, wie es eben Königinnen sind. ( Damals ... Wie viele Jahre sind seitdem vergangen? Und als Lisa sie jetzt im Café wiedersah, Teller mit Kuchen balancierend, eine Tasse Kaffee in der anderen, hatte sie lange gezögert. Ja ... nein? Wirklich ... oder doch nicht? „Kennst du mich noch?“ Die Kellnerin musterte sie flüchtig: „Lisa?“ „Ja.“ „Schön, dich zu sehen. Wie geht’s dir?“ Fast teilnahmslos wirkte die Frage. Ganz so, als hätte Larissa sie gefragt, ob sie noch Zucker und Sahne wollte. „Danke, gut. Und dir?“ „Auch gut.“ Wenn Larissa nicht gleich an den Nachbartisch gerufen worden wäre, was wäre geworden? Lisa zögerte, wartete. Schließlich hatte Larissa begonnen, ihre Ecke zu meiden und bevorzugt die anderen Tische zu suchen, ganz zuletzt nur den ihren. „Was machst du hier? Willst du mich quälen? Oder ...“ „Ich?! Wie meinst du?“ „Ach nichts ...“, schon war das Mädchen wieder nach Innen verschwunden.

Ein Becher Kaffee. Plötzlich war er Lisa nur noch ein bitterer Trunk. Stimmengewirr von den anderen Tischen, Straßenlärm, das Bellen eines angeleint vor dem Laden vergessenen Köters. Lisa – Larissa. Was war nur geschehen? Wie sehr hatte sie sich gefreut, als andere ihr erzählten, ihre frühere Freundin arbeite jetzt hier in dem großen Café im Zentrum. Larissa, nein sie wollte sie nicht quälen. Nur reden, nur ein wenig mit ihr zusammensein, einfach wieder einmal mit ihr quatschen, sich erzählen, wie damals vor gerade einmal eineinhalb Jahren ... Nur ... Und jetzt? ... Was ist nur geworden?

Sie waren Studienkameradinnen gewesen, vielleicht sogar mehr, hatten oft tagelang miteinander auf Prüfungen gelernt, oder im Park einfach nur nebeneinander in der Sonne gelegen, Abends waren sie dann in das Leben der Brester Nacht eingetaucht. Lisa, die anderen Jungen und Mädchen ihrer Kurse, Larissa – die Königin ... nicht nur ihrer gar nicht so kleinen Gruppe. Drei Semester lang. Dann hatte sich Lisas Freundin gegenüber allen verschlossen. Keiner wusste warum. Nur Gerüchte, nur Munkeln. „Was ist denn plötzlich mit dir?“ „Ich habe zu denken angefangen. Ich kann nicht mehr wegsehen, ich will nicht mehr schweigen.“ Larissas Antwort. Mehr nicht, kryptische Worte und verschlossene Winkel. Plötzlich waren auch Prüfungen und Referate nur noch halb so wichtig. „Aber ...“, ein Nachmittag, Lisas wohl schon hundertste Versuch, an ihre Freundin heranzukommen, der Bus ruckelte müde durch die Straßen ... „Es gibt Dinge, die sagt man nicht jedem.“ Mehr konnte Larissa ihrer Freundin nicht weh tun. Doch vielleicht wusste sie auch einfach nicht, wie sehr sie Lisa an diesem Winterabend verletzte, an dem Schnee sanft vom Himmel fiel als wollte er die graue Einöde der Stadt mit Puder bestäuben. Larissa – die nächsten Tage war sie nicht in der Uni erschienen. Eine ganze Woche lang. Obwohl sie so viel Wichtiges versäumte. Erst wieder am Montag der folgenden Woche. „Hatte zu tun. Wichtiges.“ Dann war sie ihrer Wege gegangen. Der Hörsaal, kein Grüßen, kein Winken, kein Nicken, nur ihr schwarzer Pferdeschwanz wippte zwei Reihen weiter vorne, mehr nicht, nur eine energische Kopfbewegung, wenn ihre stenographierende Hand kurz innehielt, und Larissa sich nach Innen vertiefte. Ein Augenblick. Eine Woche. Ein Tag. Was war nur geschehen? Fragen ohne Antwort. Natürlich wusste Lisa, dass ihre Freundin ‚politisch’ war. Natürlich wusste sie, dass das in ihrem Land gefährlich werden konnte, war. Natürlich versuchte sie, Larissa noch nur einmal mit wohl abgewogenen Worten wieder auf sichere Wege zu bringen: „Sei doch realistisch. Was bringt es denn, wenn du da mitmachst. Gar nichts. Nur Ärger!“ „Wenn alle so denken wie du, dann kann sich nichts ändern. Hast du denn Tomaten vor den Augen? Oder ...“ Manchmal steigerte sich Larissa dann Lisa gegenüber richtig in Wut und Empörung. Weil sie sich kannten. Nicht nur irgendwie. Oder doch nur ein wenig? „Ich bin eben anders! Und wenn alle wie du sind, dann Beton zu und Amen.“ „Aber denke doch wenigstens an dich und die anderen.“ Eine Pause, leises Zögern flackerte in Larissas Augen. Fast schien es Lisa schon, als habe sie gewonnen. „Ich kann nicht. Auch wenn ich es vielleicht möchte.“ Acht Wörter, dann war Larissa aus dem Bus gesprungen, zwei Stationen bevor sie eigentlich ausstieg;; ganz so, als wäre sie vor Lisa geflohen. Lisa hatte ihr hilflos durch die staubbedeckte Scheibe nachgeblickt und sie im Dunkeln verschwinden sehen. Warum?  ... Darum?
Seit ihr Bruder im Gefängnis gewesen war, waren es auch nur ein paar Tage, war ihre Freundin so anders geworden. War aus Larissa, der Vorzeigestudentin, der Königin, eine Löwin geworden; eine Schlange, verschlossen, gerissen, verschlagen. Lisa hatte schließlich akzeptiert, geschwiegen, ein wenig traurig, ihre Freundin nicht mehr wiederzuerkennen, enttäuscht gar ein wenig. Doch so ist nun einmal das im Leben, auch mit Freundschaften ist es so, waren sie auch noch so eng bis eben. Die Uni, die freie Zeit außerhalb der Vorlesungen, Kurse, der Bibliothek und des Lernens ... alles war plötzlich so langweilig geworden ohne Larissa, ohne ihre sprudelnden Ideen. Ihre Lebensfreude, die immer alle mitgerissen hatte, fehlte ihnen allen. Ein paar Wochen Funkstille, dann war Larissa plötzlich wieder bei Lisa erschienen: „Kommst du mit. Wir fahren nach ...“ Die Wahl morgen, die Proteste, von denen alle und schon nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand sprachen; vor denen alle bangten, erwartungsvoll die einen, mit Empörung oder heimlicher Sorge die andern. Und zugleich Warnungen, ins Land geworfen von loyalen, gehorsamen Stimmen ... „Aber ...“ „Was? Ja, oder nein?!“ „Ich habe Angst.“ „Wovor?“ Was sollte Lisa jetzt sagen? (Dass sie Angst davor hatte, auf die Straße zu gehen, sich offen für eine Sache zu zeigen, von der sie nicht einmal hundertprozentig überzeugt war? Angst, gesehen zu werden? Angst, in etwas Unvorhersehbares hineingezogen zu werden? Angst vor den Konsequenzen?) „Hast du denn nicht Nachrichten gehört?“ „Und wenn – sie sollen nur schießen. Wenn sie sich trauen. Also, was ist?“ Einen Augenblick hatte Lisa gezögert (Sollte sie nicht doch ... und wenn es nur deshalb wäre, um wieder mit Larissa zusammen zu sein), doch dann den Kopf geschüttelt. „Dann nicht und in Ordnung.“ Tags darauf waren sie ohne Lisa gefahren. Die Wahl, alles war so gelaufen, wie sie alle es schon wussten, erwarteten. Die Antwort der Straße – laut, zaghaft, der Sturmwind jedoch, der anderswo wehte, war in ihrem Land nicht entflogen. Ein zentraler Platz, ein Abend, eine Nacht, Larissa, so viele andere ... ein Bild, irgendwer hatte es aufgenommen ... die Königin, voran im weißen Gewande, eine Fahne in der Hand (die ‚Richtige’ oder – wie man es sieht - ‚Falsche’ natürlich) ... tags darauf war es schon durchs Weltnetz gewandert. Ein Symbol, ein Aufschrei hinaus aus der schon nicht mehr nur schweigenden Menge. Larissa ... die Königin, alle, ein Kampf für eine Sache, für die sie, Lisa sich doch nicht zu kämpfen traute. Ein Bild ... das Weltnetz ... Larissa, ihre Freundin, Larissa? ... Lisa konnte es gar nicht begreifen. Ein Aufschrei, ein Augenblick, ... doch schon wenig später ... schien alles wie niemals gewesen. Ruhe. Aufräumarbeiten. In Ordnung?
Ein paar Tage später hatte Lisa ein freundlicher junger Mann auf der Straße angesprochen, ihr dieses Bild von Larissa und der Fahne unter die Nase gehalten: „Sie sind doch mit ihr befreundet.“ „Ja, ein wenig.“ „Ich bin Journalist und mache eine Reportage über die Ereignisse der vergangenen Tage. Darf ich sie etwas zu ihrer Freundin fragen?“ Lisa hatte gezögert, einen Augenblick, doch als er ihr einen Presseausweis zeigte, hatte sie keine Sekunde an der Identität  des Fremden gezweifelt, hatte ihm geantwortet und erzählt, was sie wusste. Harmlos, naiv wie sie war (hatte er ihr doch in fließendem Englisch erzählt, er arbeite für die BBC!), vielleicht sogar ein wenig stolz, dass auch sie jetzt etwas für die ‚Sache’ beitrug ... Ein Interview, nur ein paar Minuten ... was ist schon dabei? Lisa hätte es sicher schon recht bald vergessen. Wenig später kursierten Namen der Studenten, die von der Uni verwiesen wurden. Larissas Name war darunter. Natürlich – wie konnte es anders sein. Ein Moment der Aufregung, der Empörung hinter verschlossenen Fenstern und Türen, doch nach Außen geschwiegen hatten fast alle. Auch Lisa. Natürlich. War doch die Angst jetzt noch viel stärker. Das Ende eines Strohfeuers – schon bald herrschte wieder jene dumpfe, fast selbstmitleidige Ruhe. Und nach und nach legte sich wieder Alltag über die aufgewühlte Erde. Auch über Lisas Wunde. Vielleicht hatten sich ihre Wege auch schon viel früher getrennt, als sie es meinte.

 „Larissa ...“ „Ja.“ „Ich möchte zahlen.“ „In Ordnung.“ Ein weißer Block, gekritzelte Zahlen, ein Geldschein, Wechselgeld. „Ich hatte nicht die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen. Weißt du ...“ Langsam stellte Larissa Lisas leeren Becher auf das Tablett: „Eigentlich sollte ich dich dafür hassen, was du getan hast, Lisa.“ Larissa, ein Ruck, den Kopf nach hinten geworfen, ihr Blick, eine Königin, stolz, unangreifbar in ihrem Panzer: „Nun ja, aber es warst ja nicht nur du.“ ... und doch so verwundbar: „Okay, vielleicht ist es ja ganz gut so ... “ Mehr n icht.
Am Abend hatte sich Larissa kurzfristig für die nächsten Tage in eine andere Schicht einteilen lassen.
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Nachbemerkung: Namen und Orte (auch wenn sie angedeutet erscheinen!) sind frei erfunden und nicht der Wirklichkeit entnommen.


 

Anisija-Sommer

 
 Vielleicht hätte sie nur in Gedanken ihre Flügel ausspannen sollen, um sich hinabzustürzen in die Tiefe. Der Wind hätte sie aufgefangen und getragen – über Wälder hinweg, Seen, Felder und Wiesen. Dorthin, wo er ein erstes Mal gesessen hatte, um mit schaurigem Hoffen ihr Kommen zu erwarten, mit heimlichen Zittern. Er, für den sie das werden wollte, was jetzt sie war – ohne es jemals geworden zu sein. Aber das hatte Isa  erst gemerkt, als es zu spät war. Und es war gut so. Vielleicht ...
 *

Vielleicht hätte sie sich auch nur vorstellen sollen, Anisija flöge jetzt neben ihr. Sie hatte sie angeblickt, war noch ein Stückchen näher zu ihr gekommen und hatte ihr mit dieser kreischenden, doch ihr gegenüber immer auch zärtlichen Stimme zugerufen: „Komm zu mir!“ Da war sie ganz nah zu ihr gekommen, und Anisija hatte sie zu sich genommen. „Komm zu mir, Isa. Ganz nah. Ja, so ist es gut so.“ Und sie hatte den Kopf unter ihre Flügel gesteckt (wie ein kleines Kind unter die Flügel der Mama) und hatte all die Bilder in sich aufsteigen lassen, die sie schon nicht mehr gekannt zu haben glaubte und doch immer noch vermisste: Wärme, Geborgenheit, Liebe. Auch wenn es eine Form von Nähe war, die ihr jetzt abstoßend und ungut sein könnte. „Ist es schlecht, was wir machen, Anisija?“ „Schlecht? Was ist da schlechter als ihre Art, sich zu lieben? Lass sie nur reden. Irgendwann wirst auch du es begreifen.“
Doch Isa hatte nicht verstanden, geschwiegen, aber hatte doch dieses neue, so überwältigend neue Gefühl
 in sich keimen, aufsteigen und wachsen gefühlt, das sie in Worte noch nicht zu fassen vermochte: wie eine Frühlingsblume, die ihr Köpfchen erst zaghaft durch den Schnee streckt, ihren Stiel, zur Blüte reifend und
 zur Fülle mit jedem frostfreien Tag umso weiter.

 
Und der Frühling war ihr Sommer gewesen und ihr Sommer ihr Herbst. Aber dies war erst später, viel später. Jetzt war Sommer, ihr Sommer, Anisija-Sommer, in dem Anisija ihr zeigte, was niemand sonst ihr zu zeigen vermochte. „Die Menschen verstehen uns nicht. Sie sind fasziniert von unserer Wildheit.“ „Warum, Anisija?“ „Weil wir das verkörpern, was ihnen verloren gegangen ist und wir so sind, wie sie sich träumen, sein zu können und doch niemals mehr sein dürfen. Denn wir sind wie ihre Gefühle, ihre verdeckten Ängste, Gedanken und Träume: das Wilde, das sie anzieht. Weil wir das sind, was sie vor Jahrtausenden Jahren noch waren. Deshalb
 fürchten sie uns, Isa. Und lieben uns zugleich, ohne es selbst zu begreifen. Aber verstehen werden sie uns niemals.“ „Warum?“ „Weil sie uns verlören, wenn sie es versuchten …“ „Warum erzählst du mir das, Anisija?“ „Weil du vorbereitet sein musst, wenn auch du mit ihnen gehen wirst. Wie all die anderen.“ „Ich will nie mit ihnen gehen.“ „Aber du wirst es trotzdem.“ „Warum?“ „Weil die Sehnsucht nach ihnen dich verzehren wird. So lange, bis du aufhörst, du sein zu wollen, um sie zu werden, zu ihnen zu gehören; um zu sein wie die anderen.“ „Anisija, ich ...“ „Komm lass, kleine Isa. Komm zu mir, ich will dich wärmen in dieser Kälte.“

Und Isa war unter die Fittiche ihrer großen Schwester gekrochen und versunken in ihrer Wärme.
*
 
Ein Frühling: Schneeflocken, die zu schweren Wassertropfen werden; Eis, so fest noch eben, weich nun geworden, immer durchlässiger, um schließlich zu brechen und ganz zu verschwinden; Schneefelder, die Schritt um Schritt dem braunen Erdboden weichen, der schließlich selbst in einem weiß-lila-gelb-blauem Farbenteppich ergrünte; Sonnenlicht, mit wärmer schon gewordenen Fingern das Land streichelnd, liebkosend; Vogelstimmen, die winterschlafende Welt aufweckend zu neuem, fröhlichen Leben. Bald würden die Bäume ausschlagen, all die Vögel wieder ihre Nester flechten und noch ein wenig später die zaghaften, bald fordernden Töne ihrer Jungen die Welt bevölkern. Dann würde auch wieder der Schrei der Wildtruden die Wälder durchschallen und ihre schwarzen Schatten für Augenblicke die Erde verdunkeln. Und alle Tiere würden zusammenschrecken unter dem drohenden Anflug von Isas Gefährtinnen und Schwestern. Nur die Menschen würden gebannt auf diese geflügelten Vogelfrauen und -mädchen hoch über ihnen warten. Und Tag um Tag würde auch die Schar von Isas Schwestern kleiner und kleiner werden, um sich schließlich in Einzelgruppen aufzulösen, in ungleiche Paare letzt endlich: Mensch – Wildtrude. Ein wenig später noch weiter: Mensch – Mensch.
Aber jetzt war Sommer. Anisija-Sommer. Zwei Wildtruden, die Weite überfliegend mit gedrungenem Schatten. Lautlos, am Himmel zwei Adlern gleich, doch am Boden zu einem Schatten verschmelzend. Menschen tief unter ihnen, die gebannt auf sie zeigen, sie rufen und weglaufen mit eiligen Schritten, drohten die beiden Schatten, sich ihnen zu nähern. Doch Anisija hatte sie nicht beachtet. „Sie interessieren mich nicht mehr. Ich weiß schon alles über sie. Mehr muss ich nicht wissen.“ „Erzähle mir von ihnen.“ „Ich habe dir schon erzählt, was du wissen musst, Isa,  mehr als dies. Viel mehr.“ „Aber ich will alles von ihnen wissen. Mehr als nur viel.“ „Dafür musst du sie kennen lernen, sie lesen und ...“ „Was und, Anisija?“ „Nichts.“ „Doch! Ich will es wissen!“ „... ihnen wieder entfliehen.“ „Wie du?“ „Wie ich ... und so verschwindend wenige
 von uns.“
Da hatte der dunkle Wald ihren Schatten aufgesogen, so als wäre mit einem Mal die Sonne über ihnen schwarz geworden oder ihr Schatten die ganze Welt ohne Licht und Wärme. „Beginne die Flügelschläge zu zählen bis nach Hause.“ „Warum, Anisija?“ „Jeder Flügelschlag ist ein Tag, der uns noch bleibt für uns beide.“ „Und dann?“ „Werden unsere Wege sich trennen.“
Es waren achtundzwanzig Flügelschläge gewesen. Ein Monat fast. Ein Mondmonat von Wachsen, Blüte, Abnehmen, Verschwinden und neuem beginnen. Ein Monat – ein Isa-Monat schon fern fast Anisija. Und die Sonne war über den
 Baumwipfeln verschwunden und Isa hatte ihren Kopf an Anisijas Schulter gelegt; ihre Flügel ganz fest sie umschlingend. „Ist es das, weshalb wir alle zu ihnen fliegen? Dieses Gefühl der Geborgenheit, Wärme, die wir niemals kannten?“ „Ja, Isa, dieses Gefühl, das neues Leben erwachen lässt in dieser Kälte, die uns kalt werden lässt und grausam.“ „Und weiter?“ „Schau mich an, Isa.“ Und Isa hatte ihren Kopf gehoben und in Anisijas Augen geblickt – die Sterne hatten geleuchtet in ihnen, Kristallen gleich oder Wassertropfen im morgendlich-sonnengefluteten Nebel.
*
„Was hast du gesehen, Isa?“ „Ich habe zwei Wölfe gesehen. Sie zogen durch den Wald auf der Suche nach Beute.“ „Was waren das für Wölfe?“ „Sie waren grau und die Knochen staken hervor unter ihrem struppigen grauschwarzen Fell. Seite
 an Seite liefen sie, ein jeder im Schritt des anderen. Der eine Wolf hielt an, der andre mit jenem ... Und die Sonne schlief ruhig in der Finsternis der Nacht. Denn die Sterne hielten Wache um sie. Der Mond mit ihnen.“ „Wie viele Tage sind es noch?“ „Weniger als gestern es waren.“ „Ich will nicht, Anisija. Ich will immer dort sein, wo du bist.“ „Schlaf, kleine Schwester. Heute ist heute. Und morgen erst morgen.“

 
Und die Wächter der Nacht hatten Isas Träume in Fernen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft getragen. Die Nacht bald vergangen in Bildern. Schon hatte Raureif die Felder bedeckt, einem Wasserfilm gleich über schlaftrunkenem Dunkel. Die Hasen hatten sich aufgemacht, Rehe, Füchse mit ihnen, um zu suchen, was zu finden ihm heute beschieden. „Du musst aufbrechen, Isa, deine Welt zu erkunden.“ „Und du, Anisija?“ „Ich werde hier bleiben, um auf dich zu warten.“ Und die Sonne hatte ihre rote Schale aus dem Nebel empor gehoben und ihre Strahlen Straßen gleich über die Welt ausbrechen lassen. Ein neuer Tag.  Isa hatte sich aufgemacht, Anisija zu berichten. Und die Sonne hatte ihre Bahn durch Wolkenwände und das meerblaue Leuchten des Himmels gezogen. Einem Halbkreis gleich bis zum Ende der Reise.

„Was hast du gesehen, Isa?“ „Ich habe gesehen, dass Isa allein war. Dass mein Schatten nicht brach im Schatten Anisijas …  und mein Ruf unbeantwortet blieb – oder nur erwidert von der Antwort meiner eigenen Stimme. Ich habe gesehen, dass Isa traurig war. Eine Träne fiel auf den Spiegel des Flusses. Er trübte sich in gerundeten Bahnen. Ich habe gesehen, dass Isa  allein ist einen Tag lang ohne Anisija.“ „Jetzt ist Abend, kleine Schwester. Und du bist bei mir. Schlaf, Isotschka, schlaf bis die Sonne dich morgen aufweckt aus tiefem Schlummer.“ Der Ruf der Nachteule war erschallt und das Heulen der Wölfe. Und der Schlaf hatte Bilder vor Isas Augen wachsen lassen, ferne Bilder, fremde – lebendige, tote: Eine Hand, ihre Nähe abwehrend, ein Blick, ihr teilnahmslos nur erscheinend; Worte, die doch nur so leer ihr. Ein Gefühl der Ausweglosigkeit, des ... Bilder. Traumbilder. Gegenwartsbilder der Vergangenheit, der Zukunft.  Da hatten Sonnenstrahlen Isas Augen ge streichelt, sie ganz sanft zu öffnen in schon tagende Helle. „Was sind das für Bilder, die mich nachts im Schlaf begleiten, Anisija?“ „Das ist nicht jetzt. Das ist morgen. Morgen nach morgen. Jetzt ist heute. Dein heute.“ Und Isa hatte ihre Flügel ausgespannt, um Anisija des Abends zu berichten. Und die Sonne zog ihre Bahn, ein klitzekleinwenig höher schon denn am vergangenen Tage.

„Was hast du gesehen, Isa?“   
„Ich habe den Wind gesehen. Er striff über das Land. Die Gräser beugten sich nach seinem Verlangen – Gräser, Blumen und Bäume. Da wandte ich meinen Flug, seinem Atem entgegen zu fliegen. Und der Wind liebkoste meine Flügel, meinen Kopf,
 meinen Körper, ihn zu streifen mit sanftem und zartem Berühren.“
Und Isa hob den Kopf ihm entgegen, ihre Augen leuchteten wie Feuer. Der Wind erwiderte ihre Freude. Und Isa fühlte sich frei wie niemals im Leben. „Da fiel eine Träne aus meinen Augen, der Wind fing auf sie, uns beide zu tragen.“
Da schloss die Sonne sich ein in ihre rotleuchtenden Strahlen, im Schlummergang alles Leben diese Tages mit sich zu rufen. Nacht ward es Isa mit ihren morgigen Bildern: Und er stand auf, wortlos, blicklos, teilnahmslos, ihr etwas zu erwidern, was sie nicht verstand, auch wenn sie verstand die Bedeutung der einzelnen Worte.
„Anisija, ich will diese Nachtbilder nicht mehr sehen. Ich will nicht. Ich will deine Wärme spüren, deine Stimme voller Geschichten – nicht diese Bilder, die nur Frost mir bereiten.“ „Du kannst sie nicht verstoßen. Es sind deine Bilder. Wie deine Flügel, deine Stimme.“ „Ich will nicht.“ „Heute ist heute – dies alles erst morgen. Dann erst.“ „Wann, Anisija?“ „Wenn sie heute sein werden und heute gestern.“ Und die Sonne hatte all die Vögel aufgeweckt, ihren Morgenruf in die Welt hinauszusenden, ein jeder nach seinem Verlangen. Da hatte sich auch Isa aufgemacht, ein drittes Mal Anisija zu berichten. Der Wind hatte sie an sich genommen, als wäre sie ein Blatt im Herbste, und mit sich fortgetragen. Weit, weit weg von hier. Viel weiter als sie jemals geflogen.
 
 „Wind, Wind, mein Bruder, wohin führst du mich?“ Seine Antwort jedoch hatte Isa nicht verstanden. Felder zogen unter ihr vorüber, goldgelben Teppichen gleich so tief in der Tiefe; Flüsse, silbrig-blaue Schlangen, das Grün der Wiesen durchziehend; Bäume, einzeln oder in Bändern die Lande durchschneidend – oder sich in Grüppchen sammelnd, um gemeinsam zu warten. Weiter der Flug, immer weiter der vor ihnen wandernden Sonnenkugel entgegen: über Dörfer, Gehöfte, Siedlungen und Städten hinweg, in denen Menschen Spielzeugfiguren gleich umhergingen, still standen oder sich hastig bewegten. Da hatte der Wind seinen Atem angehalten, Isa ausruhen zu lassen in sicherer Höhe. „Wind, mein Bruder, lass mich nicht alleine!“ „Fliege heim, Isa, dorthin, wo Anisija dich erwartet.“ Und Isa hatte sich von jenem Berggipfel hinab gestürzt, als wäre er Anisijas Wohnstatt gewesen und ihre. Der Wind hatte sie aufgefangen, den Weg ihr zu weisen mit sie tragendem Atem. Und Isa hatte ihre Flügel ausgespannt, dorthin zu fliegen, wohin ihr Herz  sie jetzt riefe. Die Welt war vorbeigezogen wie vordem. Doch Isa war sie fremd nicht mehr gewesen.

„Was hast du gesehen, Isa?“ „Ich habe die Welt  gesehen. Die Welt der Pflanzen, Tiere und Menschen. Sie zog  vorbei, tief unter mir, als wäre sie fern mir. Ich habe die Weite gesehen, ihre Farben, ihre Vielfalt, ihr Leben. Und habe begriffen, dass es nur ein Staubkorn ist, das ich von der Welt kenne. Ich habe gesehen, dass ich mir die Welt vertraut machen muss, um sie, um mich zu verstehen. Auch wenn ich jetzt noch Angst davor habe. Ich habe einen Freund gefunden, der mich trug, in die Ferne hinaus und sicher zurück in deine Nähe.“ „Weit bist du geflogen, Isa.“ „Der Wind hat mich getragen.“ „Und du ihn.“
 
 Sonne, Sonne, Sonne,
schlafe heut’ nicht mir.
 Sonne, Sonne, Sonne,
wenn du heut’ wach bist
 rufe mich zu dir.
 
 Und die Sonne hatte Isa mit sich genommen, sie in ihre traumgefüllte Höhle zu tragen und sich einen Traum aussuchen zu lassen aus ihren Millionen und noch einmal Millionen Träumen. "Anisija, Anisija, ich habe einen Traum der Sonne bekommen." "Ich weiß, du hast sie gerufen." "Fliege mit mir, Anisija, fliege." Da hatte Anisija Isa zu sich genommen  und sie waren aufgebrochen, gemeinsam zu fliegen, nur sie beide, in den Worten der Sonne. Und die Nacht war verflogen und die Träume mit ihnen.
„Anisija, ich habe einen Traum der Sonne gesehen. Ich war nicht mehr allein. Und die Welt war so licht mir.“ „Du hast Bilder geträumt von morgen. Morgen, morgen und morgen. Vergiss sie nicht. Niemals. Denn morgen ist morgen.“ Und Isa hatte sich ein weiteres Mal aufgemacht, ihre Welt zu begreifen. Nebel hatte sie eingeschlossen, einer großen Wolke gleich, gesunken schon fast hinab auf die Erde. Wassertropfen, Tau und Schattenbilder – aus dunstigem Nebellicht auftauchend,  schwarzen Schattenrissen gleich, schemenhaft, geheimnisvoll und fraglich.
„Was hast du gesehen?“ „Ich habe einen Fuchs gesehen mit seinen Welpen. Sie tollten umher in der milchigen Kälte. Die alte Füchsin stand bei ihnen und wachte. Ganz leise setzte ich mich auf einen Baumstumpf unweit von ihnen. Ein Ast knackte unter )meinen Füßen. Plötzlich stand dieser alte Fuchs direkt vor mir, nicht friedlich; böse und fauchend mit gebleckten Zähnen; als wollte ich ihm Böses. Ich flog von dannen und war traurig vor Enttäuschtsein: Weil ich nicht so sein wollte und war, wie dieser Fuchs mich sah. Weil ich keinen mehr hatte, der über mich wachte, wie dieser Fuchs über seine Jungen. Weil ich fühlte, dass ich zu niemandem gehörte und niemand zu mir – obgleich ich es so sehr mir wünschte. Ich flog weiter – gedankenverloren, als hätte ein Fuchs mir all meine Freude genommen. Da lichtete sich auf ein Mal der Nebel. Nicht plötzlich, ganz langsam: ein Bündel Sonnenstrahlen zunächst, das milchige Etwas durch- schneidend.  Ein zweites, drittes, all den Nebel vertilgend mit seiner noch nacht-frierenden Wärme. Wie bunt war plötzlich die Welt mir, leuchtend in Farben, die vergessen mir schienen, doch jetzt wieder waren, als hätte ich nie sie verloren. Es war mir, als hätte eine unsichtbare Hand einen weißen Schleier von meinen Augen gerissen. Vielleicht war er auch rot gewesen wie das Fell dieses Fuchses. Ich flog weiter. Wiesen unter meinen Flügeln. Felder, Seen und Flüsse. Ich flog, flog, flog – voll
 Freude, dass all dies jetzt wieder zu mir gehörte. Da ward müde ich. Am Ufer eines Flusses ließ ich mich nieder, einzudösen in der mittäglichen Hitze ein wenig. Lange schlief ich, bis ein Geräusch mich weckte, das ich noch nie gehört hatte vordem: zwei Schwäne, weiß wie der erste Schnee im Sonnenlicht, über mir, mit ihren schreienden Flügelschlägen  den Himmel durchfurchend – unterwegs hin zu dir, zu Anisija. Da machte ich mich auf, mit ihnen zu fliegen. Nicht mit, neben – hinter ihnen. Sie stießen mich nicht von sich. Als gehörte ich ein wenig zu ihnen. Und Isa konnte es vor Glück gar nicht fassen – auch wenn sie weiter allein war. Doch allein nun mit ihnen.“ „Du bist einer von ihnen, wenn du es nur willst. Und sie dich verstehen.“
 
Und wieder legte sich Nacht über Isa, ihren dunklen warmen Schleier auszubreiten mit ihren  nachtflüchtigen Bildern. Da hatte er seine Arme um sie geschlossen, ganz fest, sie beschützend, sie haltend. Und sie hatte sich so geborgen gefühlt, so angenommen und verstanden – als wäre sie noch immer daheim bei Anisija. Die Zeit war verflossen, wie ein kleiner Bach hüpfend hinweg über Steine. (Oder gleichmäßig wie ein Strom in getragenen Bahnen.) Schon hatte das Himmelslicht begonnen, all die kleinen Sterne am Firmament zu verschlingen, allein zurücklassend  einem Stern im Osten als Wächter. Und sein Licht hatte die Dunkelheit vertrieben und Tag an seine Stelle gesetzt – neues Licht und neues Erleben. „Ich will nicht fliegen, Anisija. Ich will bleiben, träumen von Bildern, die ich erträumte soeben. Die bleiben sollen. Auch jetzt noch, im Heute.“ „Sie sind noch nicht, Isa. Morgen … und heute ist heute.“
Da hatte sich Isa aufgemacht, Anisija ein weiteres Mal zu berichten. Doch ihr Denken war nicht mehr ihr Auge gewesen. Und die Sonne jagdte die Wolken vor sich hinweg durch den Himmel, ihr Licht mit sich tragend zwischen grau-weißen Fetzen. „Wind, mein Bruder, wo bist du?“ „Ich führe die Wolken.“ „Wohin?“ „Dorthin, wohin sie gehören.“ „Nimm mich mit.“ „Du gehörst nicht zu ihnen.“ „Zu wem denn?“ „Zu dem du schon gehörtest, als dein Denken noch Flaum war auf deinen Flügeln.“ Der Wind war weiter gezogen, Isa nicht mit ihm; auch nicht mit den Wolken.
„Was hast du gesehen, Isa.“ „Ich sah drei junge Füchse. Sie spielten auf einer Wiese, ahnungslos – wie Kinder so spielen. Plötzlich kam ein Mensch auf die Lichtung. Leise, so als wollte er ihnen übel. Da schrie ich laut und stürzte mich auf ihn. In den Wald floh er mit eiligen Schritten. Auf einen Felsblock setze ich mich, zu warten auf das, was nunmehr geschehe. Er setze sich mir gegenüber zwischen Blumen und Gräser. Das Sonnenlicht spielte in seinen Augen; sie sahen mich an mit stillem Verlangen. Minutenlang. Da hob einen Stein er, auf mich zu werfen. In die Lüfte stieg ich, zu fliehen mit lautem Gerufe. Und die Füchse flohen in die Tiefe ihrer Höhle. So trennten wir uns, ein jeder allein auf seinem Wege.“ Und Regen fiel herab auf Anisijas Wohnstatt und Isas. „Komm ganz nah zu mir, ich will dich trösten und wärmen.“ Aber Isa hatte den
 Kopf geschüttelt, die Nacht in sich einzulassen ohne Anisijas Worte. Da hatte er einen Stein genommen, auf sie zu werfen. Sie war nicht geflohen. Aber dies war viel später gewesen. Eine gesetzte Tagfrist noch weiter.
Wieder hatte der Ruf der Füchse den Morgen angekündigt, Isa aufzuwecken zu ihrer Reise. Und die Schwäne hatten sie von sich gewiesen, die Füchse, die Wölfe. An diesem Tag – all den nächsten. Denn sie gehörte schon nicht mehr zu ihnen. Einsamkeit war in Isa gewachsen. Sehnsucht. Ein Gefühl, das sie in sich noch nicht kannte. „Wind, mein Bruder, wo bist du?“ Doch der Wind hatte heut’ ihr geschwiegen. Träume in ihr, dieser Traum, der jetzt immer bei ihr war, all die Träume in sich vereinend in einem. Und sie waren einander gegenüber gesessen, auf die gleiche Weise wie gestern, der Wind war
 durch ihre Haare geflogen, sie mit sich zu ziehen weit weg von diesem Orte. Da hatte sie ihren Körper aufgerichtet, zurückgeworfen und war mit einem lauten Schrei weit von ihm geflogen. Er hatte ihr nachgeblickt, war lange erst nach ihr gegangen. „Ich habe gelernt, dass ich auch unter vielen einsam bin, wenn mein Denken allein ist und nur eines noch aufsucht. Ich habe gesehen, dass Einsamkeit auch gemeinsam erlebt werden kann und dass es ein unsichtbares Band gibt,  dass stärker ist als alles. Ich habe gelernt, dass mein Herz anfängt anders zu fühlen, als Isa es möchte. Doch ich weiß nicht, ob es gut ist.“ Die Eule hatte ihren Ruf durch das Dunkel gesandt, die Tritte verschlingend, all der nächtlichen Tiere. „Schlaf, kleine Isa.“ „Ich kann nicht ... will ... nicht ... ich will nur bei ihm sein ... und habe Angst davor ... ihn im Traum nicht zu sehen.“ „Schlaf, Isotschka, schlaf.“ Und die Sonne hatte schon lange den Horizont bewandert, ehe Isa erwachte aus spätlangem Schlummer. „Flieg, Isa.“ „Ich will nicht ... und kannn doch nichts mehr anderes denken.“ Der Wind hatte ihre Flügel gehoben, Isa zu tragen, weit fort, immer weiter. Bunt war die Welt geworden, blumengetränkt, so voll all der Wärme. Vögel auf hohen Bahnen, tief unter ihr Menschen, so klein als wäre sie Spielchen. „Schau um dich, Isa, dort ist jetzt dein zuhause.“ Die Stadt unter ihr war so klein gewesen, so klein – doch gewiss zu groß ihrem Denken. Unvorstellbar groß, verwirrend. Seine Bahnen hatte der Wind gewendet, Isa dorthin zu tragen, wo sie schon Tage gewartet hatte auf ihn, den ihr Herz nur noch suchte. „Ich habe gewartet. So lange. Wo warst du?“ „Der Wind trug mich fort; dorthin, wohin auch ich bald gehöre. Wortlos waren sie einander gegenüber gesessen. Wie all die vergangenen Tage. Einander zu lesen, ohne sich selbst und einander zu verstehen. Da hatte er einen Stein genommen. Wie an all den vergangenen Tagen. Aber Isa war nicht geflohen. Den Stein ließ er sinken. Und Isa stand auf, zu ihm zu treten. Doch er stieß sie von sich, um aufzustehen und eilig zu fliehen vor ihrer bedrohlichen Nähe. Und der Wind flog durch ihre Haare, aber Isa war nicht mit ihm geflogen. Warum? Ihre Krallen hatte sie gesehen, ihre Flügel, die Hände nicht waren. „Anisija – was bin ich?“ Aber Anisija war so fern ihr gewesen. „Aniiisija!“ Doch Anisija hatte geschwiegen.

*
Sonne, Sonne, Sonne,
bringe die Nacht mir,
Sonne, Sonne, Sonne,
schlafe heut’ nicht mir,
Sonne, Sonne, Sonne,
wenn du heut’ wach bist
rufe mich zu dir.

Da fiel eine Träne auf meinen Schoß und er ward warm und lebendig. Meine Krallen legte ich in ihn und sie waren Hände und Finger, sie glitten empor auf meinem Körper. Ganz sanft, als wollten diese fremden und doch mir ureigenen Berührungen mich verführen. Und mein Körper nahm Gestalt an, Menschengestalt, wie noch nie ich ihn hatte gesehen. Ein gläserner Spiegel, die Gestalt einer jungen Frau in ihm gebrochen. Einer Frau, von der ich plötzlich ganz tief aus mir heraus wusste, dass sie schön genug war, geliebt zu werden. Die wusste, was sie wollte, wen: dich. Licht, eine Schwere, nieder mich drückend (doch leicht zugleich), meine Füße taub werden lassend zwischen Härte und Schwere . Menschenfüße in ruhend tanzenden Schritten. Ein Abschluss. Der Abschluss einer Verwandlung. ‚Ich will so werden, wie du mich willst, wie ich sein muss, um von dir geliebt zu werden!’ Worte, lautlos in das kalte Glas an meiner Seite gerichtet, zurückgeworfen eine andere Weise: ‚Doch dann wirst du verlieren, was du warst, mit jedem neuen Gedanken. Willst du?’ Ein Nicken als Antwort: ‚Ich will.’

*
Dunkel war die Nacht noch, in die Isa hinein erwachte. Dunkel, kalt und von Rufen durchtränkt, die fremd ihr ein wenig schon waren. Nicht ihre. Nur wessen? Die Quellen hatten im Dunkel gemurmelt – wie Steinchen, wenn auf gefrorenes Wasser sie fallen. Ein Windstoß, die Gräser ganz sanft wiegend in der noch grauen Weite. Ihre Flügel hatte Isa ausgestreckt, wie sie es immer tat zum Ausgang aus dem Schlummer – es waren Arme gewesen. „Vergiss nicht, was ich dir erzählte.“ „Wie könnte ich nur, Anisija. Komm doch zu mir.“ „Du bist schon nicht mehr die, die du gewesen.“ „Wer bin ich?“ „Die du
 sein wirst, wenn morgen heute ist und gestern irgendwann einmal früher. Wenn Anisija nur noch Vergangenheit für dich ist. Oder ein Bild aus so lange vergangenen Zeiten.“ „Verlass mich nicht, Anisija.“ „Du bist es, die mich verlassen hat.“ „Aber ich will nicht.“ „Ein Mondmonat ist vergangen seit jenem Abend, an dem wir ein letztes Mal gemeinsam flogen, und du dich aufmachtest, allein die Welt dir vertraut zu machen.“
„Ich habe Angst, Anisija.“ „Auch das gehört zum Leben. Leb wohl kleine Schwester. Leb wohl große Isa.“ „Warte ...“ Doch Anisija war schon ihrem Wachtraum entwichen. Denn heute war heute und schon nicht mehr morgen.

Und Isa war aufgestanden, die wenigen Schritte zu ihm zu gehen. „Hier bin ich.“ Seine Augen waren auf sie gerichtet. „Ich bin ich – Isa.“ Da hatte er sie an die Hand genommen – sie, die ihm plötzlich so anders erschien als all die vergangenen Tage. Isa war mit ihm gegangen, auch wenn ihr Herz schon ganz leise schon fühlte, sie würden einander niemals richtig verstehen ...

Vielleicht sollte sie jetzt in Gedanken ihre Flügel ausspannen und sich hinabstürzen in die Tiefe  ihrer Bilder. Der Wind hätte sie aufgefangen und getragen – über Wälder hinweg, Seen, Felder und Wiesen. „Anisija!“ Doch Anisija war nur mehr ein Bild ganz tief in ihr gewesen. Erinnerung an gestern – so fern plötzlich, so nah noch. Und jetzt: Eine Hand, ihre neue so ungewohnt neue Hand berührend, sanft sie haltend und führend. Dorthin, wo jetzt ihr heute  sein würde; ihr heute und morgen. Irgendwohin. Dorthin, wohin der Wind vor Tagen sie führte. Nur nicht dorthin, wohin ihr Herz sich ganz leise schon sehnte. Aber das war erst morgen und heute nicht gestern ...
 

Die Geschichte von Anisija und Isa

 
 „Flieg, Isa, flieg!“ „Und du?“ „Ich bin zu müde.“ Der Wind blies so stark, so kalt und so heftig; jeder Flügelschlag so schwer – sogar für eine junge Wildgans wie Isa. Um wie viel schwerer für Anisija? „Ich will mir irgendwo einen Platz suchen, Isotschka, aber du, du musst fliegen ... fliegen und fliegen. Ich halte dich nur auf, wenn du weiter auf mich wartest.“ „Und wenn ich ...“ Isa wusste nicht weiter; wusste nicht, was zu tun, was zu denken. Hatte Anisija nicht recht? Hatte sie nicht ihr eigenes Leben, das sie jetzt zu verpfänden drohte? Hatte sie nicht auch ein Recht auf ihr Leben? Und doch: Ist Anisija nicht immer für sie da gewesen ... damals, gestern, vorgestern ... und heute? War sie nicht ein Teil von ihr ... und sie von Anisija?

**
All die anderen Wildgänse waren schon weit, weit fern, dort am Horizont entschwunden. Zwei lange Arme, die sich im Kopf der Leitgans schlossen, sich hinter ihr keilförmig weitend, vorwärtsstrebend mit kräftigen Schlägen. Das beständige Auf und Ab der Flügel, ein gleichmäßiger, automatischer Rhythmus, dem Anisija schon bald nicht mehr folgte. Auch sie war ein Teil von ihm gewesen. Als sie immer mehr zurückblieb, hatten sich zunächst noch einige ihrer Gefährtinnen umgedreht, hatten ihr zugerufen, sie aufzumuntern versucht, aber hatten keine andere Antwort erhalten als Anisijas gleichmäßigen und doch immer schwächer werdenden Flügelschlag. Und sich abwendend waren sie schon bald wieder in ihrem Rhythmus geflogen. Da hatte Isa ihr Flugtempo verringert, war von ganz vorne (wo sie mit all ihren Freunden flog) nach hinten geglitten, um sich neben Anisija zu reihen. „Was ist mit dir?“ Anisija schwieg, die Augen starr nach vorne gerichtet, als suchte sie die wachsende Distanz durch Blicke zu verringern. Früher, als sie jung gewesen war und ihre Welt noch voll Kraft und Farbe, als so viele zu ihr aufschauten, sie um Rat fragten und ihr Wort unter allen Gewicht hatte, früher hatte sie sich auf ihrem langen Flug von Nord nach Süd oder ein halbes Jahr später wieder zurück auf nämlicher Strecke oft weit hinter die Anderen zurückfallen lassen (so weit, dass schon alle meinten, sie sei verloren gegangen), nur um die Einsamkeit um sie genießen zu können, zu hören, zu erleben; hatte sich über die vor ihr fliegende Schar ein wenig lustig gemacht, ihre konforme Art zu fliegen, zu denken oder möglichst wenig zu denken; hatte gelacht, ein wenig stolz auch, dass sie nicht so war, wie die anderen. Und war sie weit, weit von ihnen getrennt, so weit wie jetzt oder gar noch weiter, hatte sie den Kopf nach oben geworfen und war mit raschen Flügelschlägen zu den anderen aufgeschlossen – als wäre es ein Kinderspiel, die Distanz zwischen ihnen zu verringern. Früher ... Wie lange war das doch her? Jetzt gab es diese Anisija nicht mehr, diese oft so stolze und von sich (vielleicht viel zu) überzeugte junge Wildgans, nun ruhiger geworden und sicherer in späteren Jahren, bis sie es nicht mehr nötig hatte, sich aufzuplustern und hervorzutun vor den anderen: „Ich bin Anisija“, hatte sie gesagt, wenn andere über sie redeten, ihr einzureden versuchten, sie passe nicht hierher in die Gruppe. „Ich bin ich – so wie ich bin. Mal braucht ihr mich, mal
bin ich euch lästig.“ Alle hatten sie für ihre Eigenarten ausgelacht, diese kleinen Sonderbarkeiten, die doch im Grunde jeder von ihnen hat und hatte. (Nur jeder ein wenig anders.) Aber keiner hatte gewagt, auch nur eine Minute an Anisija zu zweifeln. Dann war sie älter geworden, älter und älter. Nur die Welt nicht mehr mit ihr. Alles um sie herum wurde ihr fremd, unbekannt, nicht mehr wie vordem ihr fassbar. Zuerst waren es nur ein paar Angehörige ihrer Familie, ihrer Freunde, die nicht mehr bei ihr waren, mit denen sie reden konnte, Erinnerungen austauschen (die alle noch verstanden) oder einfach nur zusammensein. Und mit ihnen schwand mehr und mehr auch Anisijas Bezug zur  Umgebung.
All die jungen, die sie  doch von klein auf kannte, waren größer und größer geworden, ihre Kinder kannte Anisija schon nicht mehr. Sie waren eine eigene Welt. Für sich, für Anisija. Ohne Zugang für jene seltsame Alte, in der sie zu nichts mehr zu gebrauchen schien, eine Last gar für alle. Ihre Welt schien fortgeflogen, irgendwohin; weiter hinter ihr: nicht bei ihr (oder wenn, dann nur hinter einem nebligen Vorhang), nicht vor ihr – wo sie nichts mehr zu erwarten hatte …

„Anisija, sag doch ...“ Isas Stimme klang fast schon hilflos. „Es ist schön, dass wenigstens du mich nicht vergessen  hast!“ „Aber wir gehören doch zusammen.“ Anisija lächelte, nicht nach außen hin sichtbar, nur so, dass es niemand mehr  sähe. (Auch Isa nicht – oder gerade sie nicht.) „Es ist schön, dass du es noch so siehst.“ „Früher warst du immer für mich  da – als ich klein war, als ich deine Hilfe brauchte, deinen Rat, Trost und dein Lachen. Ist es nicht selbstverständlich, dass ich jetzt bei dir bin?!“
Anisijas Augen wanderten rastlos in die Ferne, doch nicht mehr starr und teilnahmslos wie so eben. Isa sollte es besser haben als sie, sollte nicht diese Rolle spielen müssen, die sie ein Leben lang spielte; sollte so werden, wie sie doch eigentlich war, sie: Isa. Immer vorneweg, immer stur, immer zielstrebig, mehr zu erreichen. Erfolgreich. Isa sollte ...  und jetzt drohte sie, ihr alles zu zerstören. Nein, das sollte nie geschehen. Dürfte nicht. 

„Die Anderen sind schon weit weg, Isa ...“ „Na und – sollen sie doch.“ „Und du ...“ „Ich bin dort, wo du bist.“ „Aber ...“ „Kein Aber.“ Anisija, wie sollte sie Isa nur erklären, was sie ohnehin wusste? „Weißt du, wenn du bei mir bleibst, verlierst du die anderen. Verlierst die Welt, zu der du gehörst, in die du mühsam hinein gewachsen bist, die du zum Leben brauchst, in der jetzt dein Platz ist. Ich ... ich bin dir nur ein Holzklotz am Bein; eine Kette, die dich festhält.“ Die eine Stimme in Anisija; eine andere zugleich, die glücklich war, dass Isa jetzt bei ihr war, hier ... Zwei Stimmen, doch nur eine konnte reden. Und so schwieg Anisija – wortlos, verschlossen, abweisend.Aber Anisija war Anisija und Isa Isa. Wie sie es schon all die Jahren gewesen waren, die sie sich schon kannten. „Weißt du, Anisija, ich bin ein wenig müde. Könnten   wir uns nicht einen Platz suchen, um auszuruhen. Die anderen holen wir gewiss wieder ein, wenn sie an den großen Seen rasten.“ Anisija wiegte  den Kopf – wäre es nicht Isa, sie wäre gekränkt und beleidigt gewesen, durchschaute sie doch genau den Scheingrund der Bitte. „Wenn du willst, Isotschka, lass uns Ausschau halten.“
                                                                                             
Und der Wind blies Wolken vorbei, regenschwere dunkle Wolken, Türmen gleich oder undurchdringlichen Wänden.
 
**
„Sonne, Sonne – wo bist du?“
„Siehst du denn nicht, Isotschka,
 dass ich hell scheine?“
 „Nein, ich kann es nicht sehen.“
 „Dann stelle dir vor,
dass ich jetzt bei dir bin
und auch diese Wolke nur Luft ist –
Luft voller Tröpfchen
die schwarz ... weil du doch nur meinst,
dass ich jetzt dir fort bin.“
„Ich will es versuchen.
Scheine nur Sonne, heller und wärmer.
Ich brauche es jetzt. Nicht für mich – für Anisija.“

Und die Sonne schob all die Wolken von sich ... oder es schien so Anisija.

„Wind, Wind, mein Bruder,
fliege mir, mit mir, mit uns beiden.
Nimm Anisija auf deine Flügel,
trage sie mit dir,
schneller und schneller.
Blase, Wind, blase –
nicht uns entgegen ... 
Nur heute, nur einmal.
nicht für mich – für Anisija.“

„Ich will es tun, Isotschka,
weil du mich jetzt bittest.“

Und Anisija schien es plötzlich, als ob der Wind sie sanft trüge.
„Alles ist viel leichter, Isotschka, nur weil du da bist. Lass uns fliegen, fliegen und fliegen ...“  Und die Sonne strahlte über das kleine Glück in Anisijas Augen.
„Schau doch, die Wolken, sie ziehen vorüber. Du und ich – ich und du, fast ganz so wie früher.“ „Ja, Anisija, fast ganz so wie früher.“ „Erinnerst du dich: Früher bist du immer in meinem Schatten geflogen, wenn du müde warst. Dann war es dir leichter.“ Isa lächelte. „Ich erinnere mich, Anisija. Und als ich das erste Mal fliegen sollte, musstest du mich stoßen. Sonst wäre ich nie losgeflogen.“ „Das ist lange her, Isotschka.“ „Aber ich habe es noch nicht vergessen.“
 
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Zwei Wildgänse, irgendwo dort zwischen Himmel und Erde ...
Blase, Wind, blase, mit uns ... trag’ uns ... weiter und weiter ...