Meine Geschichten
Hier finden sich einige meiner 'Miniaturen' und ausgewählte Geschichten von der Elfenprinzessin Susulka aus meinem Buch 'Susulka und ihren Freunden'.
Viel Freude beim Lesen!
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Miniaturen
- Der Engel
- Momo, oder die Macht der 'grauen' Herren
- Er und Sie
- Die Tränen der Erde
- ... ich war ... bin ... und du bist das Meer
- Kleiner Vogel (I)
- Mis on elu ...
- Laus
- Zarjá und Zarjá
- Kleiner Vogel (II)
- Staub
- Tränensee
- Vice versa
- Ein Augenblick
- Menschenkind (oder das Licht, das Leben bedeutet)
- Eine andere Welt?
- Arvo ... oder das kleine Boot auf dem Meer
- Engel der Nacht
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Der Engel
Und als die Nebel sich senkten, trat ein Engel zu mir, sich zu mir zu stellen. „Was willst du?“ „Nichts ...“ „Warum bist du dann gekommen?“ Schweigen. Ein sanfter Wind durchzog die Weite, unmerklich, unsichtbar … vielleicht uns nur zu fühlen. „Du bist stark, unendlich stark …“ „Ich?“ „Du musst es nur glauben ...“ Mein bitteres Lachen. „Ich bin stark, wenn du bei mir bist, aber schwach, unendlich schwach, wenn ich mich einsam und verlassen nur fühle ...“ Erneutes langes Nachdenken. „Weiß du, ein jeder Mensch ist der Mittelpunkt einer kleinen Welt, die sich um ihn dreht, er muss sie sich nur erst bauen,“ „Und wie?“ „Wie ein Vogel sein Nest oder ein Bär seine Höhle. Willst du es beginnen?“
Momo, oder die Macht der 'grauen Herren'
Vielleicht waren wir fast so etwas wie ein Traumpaar gewesen. Eine Einheitsfront quasi vom ersten Tag des Studiums, bis, nun ja, bis wir uns so weit auseinander gelebt hatten, dass es schon fast ganz natürlich war, wenn wir uns wortlos im Café gegenübersaßen und nur noch anschwiegen, weil uns plötzlich alle Worte, eine gemeinsame Basis fehlten. Eine laue Bekanntschaft nur noch; aus Gewohnheit und auf Distanz weiter gepflegt, nur weil keine von uns den Mut aufbrachte, sie aufzulösen. Nicht Fisch, nicht Fleisch – Tofu vielleicht.
Eines Abends fragte ich vorsichtig, ob sie mir etwa bei einer schwierigen Sache helfen könnte. Sie schüttelte den Kopf: „Ich habe keine Zeit. Du weißt doch, ich habe im Moment viel um die Ohren.“ Erstaunt sah ich sie an. Diese Worte – ihr Tonfall. Früher hätte Svenja ganz anders geantwortet. Aber jetzt. Es tat einfach nur weh. Nicht ob der Absage an sich (das war schon okay), sondern der Scheinheiligkeit und Endgültigkeit ihrer Worte wegen. Warum sagte sie nicht einfach: „Lass mich in Ruhe! Du nervst mich …“? Nein, sie wählte eine viel verwundendere Waffe. Und das traf viel tiefer.
„Vielleicht hat sie wirklich keine Zeit mehr für dich oder nur für das, was ihr jetzt Nutzen bringt. Das ist doch fast typisch für unsere Generation“, meinte ein Freund, als ich ihm Tags darauf davon erzählte. Und weiter: „Kennst du ‚Momo‘?“ „’Mumu‘ von Turgenev?“ „Nein, ‚Momo‘ von Michael Ende.“ „Nein, sollte ich das kennen?“ „Vielleicht.“ Zwei Tage später hielt ich ‚Momo‘ in Händen. Diese Geschichte eines lebensmutigen Mädchens, die ihre Freunde, ja die gesamte Umwelt an die grauen Herren verliert. Jene Zeitdiebe, die die ganze von den Menschen eingesparte Zeit brauchen, um selbst leben zu können. Und alle Menschen beginnen krankhaft, ihre ‚kostbare’ Zeit zu sparen. Für nichts und wieder nichts. Oder nur zum Nutzen jener grauen Lebenszeitdiebe, die Zeitblumen einfrieren, um sie dann selbst zu verrauchen. Und dann? Alles, was doch auch das Leben der Menschen ausmacht, geht verloren: Zuhören, Zuwendung, Nähe, Dasein für den Anderen … Da macht sich Momo eines Tages auf, die gestohlene und gefangene Zeit der Menschen zu befreien …
Momo – als ich das Buch zur Seite legte, dachte ich an meine Freundin. Vielleicht habe auch ich zu wenig in unsere Freundschaft eingebracht. Aus Angst etwa, scheinbar wichtigeres könnte darunter leiden. Und als es zu spät war, hatte Svenja mir meine Kälte mit den eigenen Argumenten vergolten. Gewiss, ich bin nicht Momo, vielleicht nur ein Straßenkehrer namens Beppo. Aber versuchen, wie Momo zu denken (und zu handeln) will und sollte ich mich zumindest bemühen.
Die grauen Herren mögen mir verzeihen.
Er und sie
"Wollen wir uns hierhin setzen?“ Er schüttelte den Kopf. „In den Sand, der ist warm und das mag ich.“ Sie nickte. Nach wenigen Schritten setzten sie sich nieder. Ein sanfter Frühlingshauch fuhr durch ihre Haare, unmerklich … sacht trug er sie mit sich. Da begann er mit dem Finger in den Sand zu zeichnen. „Was malst du?“ „Ein Geheimnis.“ „Erzählst du es mir?“ „Vielleicht später.“ Ein wenig verärgert murmelte sie in sich hinein. Er verstand nicht. Vielleicht war es ihr auch gar nicht mehr wichtig. Minuten um Minuten verrannen – nichts … als wären es Sandkörner in Sanduhrenflügeln. Und die Wolken zogen zeitlos ruhig über ihnen hinweg durch den Himmel … weiter stets weiter … die Wolken, sie zogen …
Noch immer suchte sie voll Neugier einen Blick auf das geheimnisvolle Sandbild zu erhaschen. Oder zumindest eine Antwort oder irgendein Wort von seiner Seite. Nichts. Ach wie lange er schon malte! „Bist du bald fertig?“ „Stör’ mich nicht, ich arbeite!“ Schmollend ging sie durch den warmen Sand auf die andere Seite. Vielleicht war es auch nur verletzte Trauer. Ohne aufzublicken zeichnete er weiter. So als ob sie gar nicht wäre. Oder schon nicht mehr. Kreise, Dreiecke, geschwungene, gerade Linien. Plötzlich stand er auf. „Morgen mache ich es fertig. Gleiche Zeit, gleiche Stelle. Wartest du?“ Sie nickte. „Gleiche Zeit. Ich warte.“ Dann ging er.
Sie wartete und wartete. Am nächsten Tag, am übernächsten – gleiche Zeit, gleiche Stelle; an den folgenden Tagen desgleichen. Er kam nicht. Schon lange war sein Bild in Wind und Regen verschwunden. Als ob es nie gewesen wäre. Warum nur kam er nicht wieder? Sie überlegte … und wusste doch keine Antwort zu finden.
Woher sollte sie auch ahnen, dass seine Eltern ihm verboten hatten, weiter mit diesem Mädchen zu spielen. Oder war auch dies ihr nie ein Geheimnis gewesen?..
Die Tränen der Erde
Es waren einmal zwei Königskinder, ein Knabe und ein Mädchen, die hatten einander sehr lieb – nur dass sie es in ihrer kindlichen Einfalt noch nicht begriffen, oder wenn, noch nicht damit umgehen konnten. Und hoch hätte sich wunderbar entwickeln können, wäre ihnen beiden nur Zeit geblieben. Aber die Königreiche ihrer Eltern waren Feinde, bitterböse Feinde, und so dürfte keiner, wirklich keiner, auch nur wissen, dass sie sich überhaupt näher kannten ... Und so trafen sich diese beiden Königskinder immer und immer heimlich bei einem alten Brunnen ganz oben auf dem Berg zwischen jenen beiden Königreichen; selten zwar und unter großen Mühen – aber vielleicht war dies gar nicht so schlecht für sie; sagt nicht das Sprichwort: ‚Liebe wächst mit dem Quadrat der Entfernung’. Sie wächst und wird stärker von Tag zu Tag, lässt man sie nur gedeihen.
Doch dann war Krieg ausgebrochen zwischen den Reichen ihrer Eltern, bitterböser Krieg, wie ihn nur der Hass der erwachsenen Leute zu führen vermag. Aber unsere Königskinder hatten sich geschworen: ’Nichts, rein gar nichts auf der Welt kann uns trennen und später, später einmal wird Frieden herrschen für alle und ewig’. Wie schön, wie naiv – ach wie einfach ist doch die Welt den Kindern. Unmerklich war aber auch zwischen ihnen eine Wand gewachsen, eine Wand – wie sagen? – des Aneinander-vorbeilebens vielleicht: Gespräche, die sich plötzlich nur noch um das alles beherrschende Thema drehen: 'Wie geht’s bei dir – wie bei dir'; mehr und mehr zu einem Informationsaustausch werdend, gleichsam zwischen zwei einander bekannten Gesandtschaften; dominierend nur dieses Thema, das man doch eigentlich hasste wie die Pest, dem zu entrinnen aber trotzdem immer unmöglicher schien – ja so weit gehend, dass man fast Angst hatte, den Freund, die Freundin zu treffen ... (auch wenn man sich doch sooo danach sehnte, gerade jetzt).
Und weiter? Wie es das böse Geschick so wollte, waren irgendwie ihre geheimen Treffen aufgekommen und eines Abends war plötzlich ein Trupp Soldaten auf dem Berg erschienen – zur Flucht zu spät – und hatten den Königssohn gefangen genommen. In einem Paradezug war er von den Soldaten durch die Hauptstadt des verfeindeten Reiches geführt worden, vorbei an dem triumphierenden König, der Königin und, ja und der Königstochter. In ein dunkles Verlies war er geworfen worden, als Erpressungs-material – der Krieg, so die Berechnung, wäre ja jetzt ohnehin gewonnen ... Ich weiß nicht, was in dem Knaben vorging, vielleicht Verbitterung, Hass? Wer konnte ihn verraten haben, wenn nicht sie! Hatte sie die ganze Zeit nur ihr Spiel mit ihm getrieben – im Auftrag ihres Vaters – ihn mit geheuchelter Zuneigung und Liebe umgarnt, nur um ihn im richtigen Augenblick seinen Feinden auszuliefern? So eine falsche Schlange ... Aber war es denn bei ihr so? Konnte es wirklich so sein? Oder war es nur ein böser Zufall gewesen? Wie war es überhaupt ihr ergangen seit diesem Unglücksmoment? Fragen ... Gewiss, sie lebte, das hatte er gesehen. Hatte sie ihn einfach vergessen oder dachte sie ihn auch noch heute? Und in seiner Einsamkeit, seiner Ungewissheit und Angst hatte er geschwankt zwischen Hoffnung, Sehnsucht, Verbitterung und Haß; nur je mehr Zeit verstrich, um so stärker wurde die zersetzende Flamme der Bitternis.
Wie sehr hatte er am Anfang gehofft, gewusst, sie würde zu ihm kommen, sie würde – wenn es auch unmöglich wäre, ihn zu retten – zu ihm stehen, einfach bei ihm sein, ihm helfen, einzig durch das Wissen: es ist jemand da, der mich mag. Bei jedem noch so kleinen Geräusch hatte er aufgehorcht – jetzt, jetzt würde sie kommen. Nein, wieder nicht - vorbei der Schritt ... So war die Zeit verstrichen, schier endlose Zeit, auch wenn eigentlich nur wenige Tage. Doch die Flamme der Hoffnung war schwächer geworden von Stunde zu Stunde ...
Was alles die Königstochter zu ertragen hatte in diesen Tagen, will ich hier nicht ausführen – hätte man sie vor die Wahl gestellt, ich bin mir fast sicher, jedes Verlies wäre ihr willkommener gewesen. Schlimmer als all dies jedoch die Ungewissheit um ihn, aber nein, dies wäre halb so schwer gewesen, viel schlimmer die Gewissheit ob des kommenden Unvermeidlichen. (Und geradezu genußvoll war es immer und immer wieder vor ihr ausgebreitet worden, so als ob sie nicht schon genug zu leiden hätte.) Nur eine Sekunde ihn wieder sehen, nur eine Sekunde; auch wenn es nicht möglich wäre, auch nur ein Wort mit ihm zu wechseln, so doch mit den Augen ihm zuzurufen: ‚Alles bist du für mich – nur du’, um mit einem Strahl Sonnenlicht die aufziehenden Nebelschwaden zu verscheuchen. Sie brauchte ihn doch so sehr – und er, er sie doch auch! Und alles würde gut... Aber es brauchte Zeit, viel Zeit, das wusste sie – hoffentlich nicht zu viel ... Der eigenen Bewachung entfliehen, sich Zugang verschaffen zum Verlies des Geliebten – nur ja sich nicht entdecken lassen, sonst, ja sonst wären sie beide verloren – und dann, ja was dann? ...
Schritte auf dem Gang – nicht die gewohnt selbstbewussten Schritte der Aufseher (für Wachgänge war es ohnehin nicht die Zeit). Gleich würden sie wieder vorübergehen, aber nein: Plötzlich verstummend der zaghafte Schritt, vor, direkt vor der Tür. Stille, sekundenewigkeitenlang, dann das leise Geräusch eines Schlüssels im Schloss und dann ... (Dort stand sie also, diese Königstochter, die er einmal so geliebt hatte, immer noch liebte?) ... vorsichtig die Tür hinter sich schließend, absperrend, den Schlüssel im Schloss lassend. ‚Keine Angst – wir sind alleine. Keiner wird uns stören. Nur wir, du und ich.’ ‚Interessant – nur was willst du? Neue Form des Verhörs? Weißt doch sowieso fast alles von mir! ... Hau ab, geh in dein Königsschloss, das hier ist nichts für kleine Mädchen! Schnell, sonst ...’, war es aus ihm herausgefahren, vielleicht ihm selbst nicht verständlich warum, woher. Wie schön war es doch – sie hatte ihn nicht vergessen, war gekommen – sie – trotz all der Gefahren. ‚Aber...’ ‚Was aber?’ ‚Aber versteh doch ...’. Schweigen, zeitlose Ruhe, nur das stetige Geräusch fallender Wassertropfen irgendwo in der Ecke ... zu schwach schon das Licht, zu schwach schon geworden die kleine Flamme in den Stürmen der Zweifel und Bitternis. Es hätte Zeit gebraucht, viel Zeit, all die Wunden zu schließen, die so unwillentlich geschlagen – viel, viel zu viel Zeit. ‚Komm, du musst doch jetzt gehen ... begreif doch, es ist nichts mehr, was war ... leb‘ dein Leben, wenigstens du.’ ‚Aber...’ ‚Lass dein ewiges aber! Warst doch nie so schwer von Verstand! Wenn du willst – gaaanz langsam: Ver-schwin-de! Ich will dich nicht mehr se-h-en!’, schroff ausstoßend, sich in die Ecke zurückziehend ... Wenn sie doch endlich ginge! Merkte sie denn gar nicht: alles zu schwer, viel zu schwer. Wenn sie ihn doch jetzt allein ließe – nein bitte nicht , nur jetzt nicht gehen, bleiben, bei mir, so lange es nur irgendwie ginge! ‚Auch wenn du mich jetzt wohl hasst – ich kann dich verstehen, mir ginge es vielleicht genauso: Flieh von hier. All die Verhandlungen sind gescheitert, du bist verloren ... Um meinet- um unseretwillen, flieh!’
Nur jetzt weglaufen von hier, nur weg aus dieser Finsternis; sich nur nicht umdrehen, dass ihre Tränen er nicht sähe – nur laufen, alles vergessend um sich, alles – eines nur nicht – nur laufen ... zum Brunnen hinauf, hoch oben auf dem Berg, ihrem Brunnen ... ihr immer nachschallend sein bitterer Ruf: ‚Um deinetwillen, Königstochter, ja ja, um deinetwillen – nein niemals und nein!’. ...
Offen die Tür des Verlieses, offen – ein Schlüssel im Schloss; nur niemand, der Gebrauch machte von der geschenkten Freiheit. So war der Gefangene am folgenden Morgen gefunden worden, gleichsam hingerichtet vor der eigentlichen Hinrichtung. Und das Reich hatte seinen Triumph ausgekostet mit all seinen Facetten an Unmenschlichkeit. Unweit der Stadtmauer hatte man schließlich die Überreste des Hingerichteten verscharrt, irgendwo auf einer kleinen Anhöhe am Waldrand.
Da hatte die Erde zu weinen begonnen – hoch oben auf dem Gipfel eines Berges zwischen zwei verfeindeten Reichen und unten auf einer Anhöhe nahe der Königsstadt eines dieser beiden – Bäche von Tränen, bitter-verzweifelter Tränen. Denn weißt du? Wenn zwei Menschen, sich so fremd geworden sind und sich nur noch so weh tun können, dass nicht einmal die Tränen ihrer Augen sie wieder zusammenzuführen vermögen, dann fängt Mutter Erde zu weinen an – kalte Tränen, für sie ... irgendwo aus zwei einander so fremd gewordenen Quellen.
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... ich war ... bin ... und du bist das Meer
Regen, sanft sich niederlassend auf dir, meine Tränen; unmerklich zunächst – so sehr warst du beschäftigt mit deinem Spiel. (Mit dem Wind vielleicht, der kleine Wellen aufwarf, all den Pflanzen, die sich wiegten an deinen Ufern? Aber wer war es, der Leben ihnen schenkte?!) Meine Schönheit, mein Licht, meine Freude sahst du nicht, hörtest mich nicht, wenn ich dich rief, dich suchte, das Strahlen meiner Augen verlierend in der Undurchdringlichkeit deiner Tiefe. Da begann ich heller zu leuchten, bestimmter, niemandem zu übersehen – auch wenn ich es eigentlich schon nicht mehr wollte. Und mein Glanz glitzerte in deinen Wassern. Aber du bemerktest es nicht in deiner undurchdringlichen Schwere. Bald schon schwächer geworden mein Schein, getrübt von vorüberziehenden Wolken. Doch noch immer verschenkte ich mein Licht an dich, deine Weite ... noch immer nicht bemerkend, was ich dir war, sein wollte und könnte …
Und schließlich: ein erster Tropfen aus trübschwerer Wolke, unmerklich niederfallend auf dich, unmerklich dir, auch mir noch ... gewiss nur ein Tropfen, vielleicht ... denn verzogen sogleich diese Wolke. Und von neuem begann ich zu strahlen ... doch bald wieder ein Tropfen, ein zweiter, ein dritter. Wind spielte auf deinen Wassern. Du bemerktest es nicht (oder nur dieses Wellenspiel). So weinte ich dir, unmerklich, aus alles verdunkelnden Wolken; leise, zarte Tränen – niederfallend auf dich, sanfte Kreise ziehend in deiner Weite ... unbemerkt dir ... ich bin ... und du ... du nahmst noch immer nicht wahr mein Verlangen. Da erkaltete meine brennende Liebe, erkaltete und Bitternis wuchs, Bitternis, Verbitterung, ja stummer Hass auf deine unbegreifliche, gleichgültige Ruhe. Und in meiner verzehrenden Liebe kalt geworden, begann zu treiben ich dich, nicht mehr zur Ruhe kommen dich lassend – tagaus, tagein, tagein, tagaus ... und es steigen deine Wasser und fallen nach meinem Verlangen ... ich war ... ich bin … und du bist das Meer.
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Kleiner Vogel (I)
Es war einmal ein kleiner Vogel, der wollte so gerne fliegen; nur er traute sich nicht. Alle anderen seiner Altersgenossen waren schon ausgeflogen, nur er – er traute sich nicht. Da setzte sich ein anderer Vogel, dem es vielleicht einmal genauso ergangen war, zu ihm auf seinen sicheren und doch so einsamen Ast. Lange saßen sie so nebeneinander, wortlos, als gäbe es nicht eine Sprache zwischen ihnen. „Warum fliegst du nie mit uns?“ „Ich? Ich kann doch eh nicht fliegen - hab’ Angst, Angst nur abzustürzen in die Tiefe.“ „Und wenn ich dir helfe und dich auffange?“ Schweigen, das folgte; unschlüssig Geduld fressendes Schweigen; Warten, so langes Geduld verschenkendes Warten ... und schließlich hatte er die Flügel ausgespannt, ihm im Flug zurufend: „Komm, jetzt mach schon!“ Da war auch unser kleiner Vogel losgeflogen; mit ihm, einen Augenblick all die Angst vor dem Fallen vergessend. Wie schön war es doch, es geschafft zu haben … gemeinsam zu fliegen! Und so waren sie ein Stück weit zusammen geflogen ... ein kleines Stück. Doch dann war ein Sturmwind aufgekommen, sie auseinander treibend, zu helfen einander verwehrend. Mit letzter Kraft hatte sich unser kleiner Vogel auf einen schwankenden Ast retten können, seinen Freund jedoch hatte er verloren. Und andere Vögel flogen vorüber: „Warum fliegst du nicht mit uns?“ „Ich? Lasst mich in Ruhe – ihr versteht es doch ohnehin nicht.“
Und sie waren weitergeflogen ...
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Mis on elu ...
Was das Leben ist, du frugest.
Arbeit, Glück, nur trüber Sinn?
Weiß nicht, meine Antwort.
Glücklich warst du nicht damit.
Denn dein Leben, das war einzig,
ein Plan, zu sehr durchgeplant.
Lebe freier, leb‘ dein Leben –
dann du findest, was du suchst.
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Laus
„Du kannst doch zeichnen – nicht?“ „Mhmm – vielleicht.“ „Auch Lebewesen?“ „Ja – warum fragst Du?“ „Kannst Du mir eine Laus zeichnen, eine schöne große Laus?“ „ Laus?“ „Ja, eine Laus“ „Können schon – bar wozu? Sag schon?“ „Einfach nur so. So als Memo.“ Dostoevskij, ging es mir durch den Kopf, Schuld und Sühne, vielleicht mit einem Schuss Saint d’Exupery: ‚Zeichne mir ein Schaf’. „Du spinnst. Wozu eine Laus, was soll der Unsinn?“ „Doch bitte, eine Laus – und wenn du ganz lieb sein willst, ein Fragezeichen dahinter! Bitte.“ „Ja, weil du’s bist. Ich mach’s schon. Aber dann sag’ mir auch wozu – abgemacht?“ „Ja, abgemacht.“ Und wirklich, am nächsten Tag lag ein Zeichenblockblatt mit einer großen Tuschezeichnung einer Laus auf seinem Platz: eine große Laus mit einem Fragezeichen. „Aber jetzt sag’ wozu brauchst Du die Zeichnung?“ „Weißt Du – ich vergesse so oft im Treppenhaus das Licht auszumachen. Du weißt ja, was das immer für Ärger gibt; und da meinte ich: vielleicht hilft es, wenn diese Zeichnung oben an meiner Tür hängt – so als Erinnerungsstütze: Laus? L(icht)aus?“
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Zarjá und Zarjá
„Nun warte doch einen Augenblick auf mich!“ „Nein, ich darf nicht. Im nächsten Jahr vielleicht.“ Und immer flinker war Zarjá vor Zarjá davongelaufen, so weit, dass sie fast ganze Tage voneinander getrennt waren. Aber dann war Zarjas Sehnsucht nach ihrer Zwillingsschwester so groß geworden, dass sie immer langsamer lief und Zarja ihr näher und näher kommen konnte – so nah, dass sie sich an einem Tag fast berührten. Fast, nur plötzlich war die Angst vor dem Fremden, nicht Fassbaren und Verbotenen so groß geworden, dass Zarja von neuem davonlief. Wie im vergangenen Jahr. Und nicht einmal die vielen Johannisfeuer und fröhlichen Tänze der Menschen konnten sie überzeugen, dass es doch nichts Schöneres auf der Welt gibt, als nicht mehr allein sein zu müssen. Sie alle wissen ja nicht ...
Und alles wiederholt sich Jahr um Jahr auf ewig und immer.
[Erläuterung: заря (zarja) bedeutet im Russischen allgemein die Röte des Himmels sowohl bei Sonnenaufgang als auch Untergang, also Morgenrot und Abendrot]
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Kleiner Vogel (II)
„’Bin so müde, so nass bis ins innerste Gefieder. War so stark der Regen und so heftig der Wind. Der Weg noch so weit - wie nur weiter?’ ‘Aber schau doch, Sturm und Regen haben schon nachgelassen - bist doch bald am Ziel.’ ‘Nachgelassen schon, aber so müde bin ich geworden, dass ich weiterzufliegen nicht mehr vermag, auch wenn noch so wolkenlos der Himmel.’ ‘Werd’ dich trocknen, setz dich nur ein wenig, kleiner Vogel.’ ‘Setz dich nur ein wenig ... wohin denn: nichts als Luft, kein Rastplatz weit und breit!’ ‘Will dir einen Bogen spannen, einen Bogen aus Wasser und Licht. Ruh’ dich aus kleiner Vogel, solang du es brauchst. Werd’ dich trocknen, verzag’ du nur nicht.’“
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Staub
„Wo kommt nur immer und immer dieser ganze Staub her? Aufwischen kann ich ihn jeden Tag – und schau, wenig später ist schon wieder neuer da!“ „Du denkst eben zu viel.“ „Denkst zu viel – was hat denn das damit zu tun?“ „Ja, du fängst zu viele Gedanken an, brichst sie ab, gehst zu etwas anderem über, bringst auch dies nicht zu Ende ... und ... .“ „Was und? Du hörst mir ja gar nicht zu! Ich klage über ewig neuen Staub und du, du redest nur irgendwelchen Unsinn!“ „Aber nicht doch – jeder angefangene und nicht abgeschlossene Gedanke bleibt in der Luft hängen ... und irgendwann später fällt er zu Boden. Im Laufe der Zeit sammelt sich da einiges an. Und schon wieder musst du mit Schaufel und Besen anrücken, machst dir dabei nur neue Gedanken – und plumps: schon wieder ... .“ „Wirklich?“ „Aber gewiss doch.“
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Tränensee
„Es war einmal ein Mann, klug, belesen und in vielen Wissenschaften bewandert. Nur fremd war er darüber den Menschen geworden ... verstand sie nicht mehr - wurde nicht mehr von ihnen verstanden. Doch was machte dies schon aus, er brauchte sie nicht, all diese Menschen. Jahre hatte er so gelebt, Jahrzehnte - geleitet von Wissensdurst, Arbeitseifer, Einsamkeit, Misstrauen und vielleicht auch - wie sagen ? - einem Funken Selbstüberheblichkeit. (aus Unsicherheit?) Da hatte er plötzlich einen Menschen kennengelernt, für den es allein zu leben ihm wert schien. Denn dieser Mensch hatte ihn verstanden, hatte versucht, alles so vielen unbegreiflich Gebliebenes zu begreifen - und hatte gekämpft, um ihn aus seiner Welt in die ihre herüber zu ziehen. Doch so stark auch ihre Liebe war, den Eis gewordenen Panzer zu lösen vermochte sie nicht - wie auch? Und wenn doch, wie lange Zeit hätte es gebraucht, wie viel Wärme? Und er, ungeduldig geworden, hatte ihr nur zuzurufen vermocht: „Hilf mir doch, siehst Du denn nicht, ich erstarre in meinem Panzer aus Eis. Hilf mir doch - liebst Du mich denn nicht? Aber was ist schon deine Liebe, wenn sie nicht einmal dies vermag!“ Da hatte sie ihn nur fassungslos angesehen, innerlich fast zerbrechend an Verzweiflung, wenn nicht Hass. „Ein Meer voller Tränen musst du weinen, ein Meer - für mich!“ „Ein Meer voller Tränen?“ „Ja ein Meer, oder sei’s auch nur ein See - vielleicht.“ „Wie lange dies dauert - ein ganzes Meer!?“ „Ja lange! Doch warten will ich lange - wie lang’ es auch sein mag“ - hatte sich umgedreht, wegzugehen, nur schnell, dass ihre Tränen er nicht sähe.
Verrückte Ideen hatten diese Menschen schon - ein Meer voller Tränen, oder auch nur einen See!, hatte er sich gedacht, welch ein Unsinn; aber er würde sich zu helfen wissen, sie würde schon sehen. So war er aufgebrochen, die gestellte Aufgabe zu erfüllen; war von den Bergen hinabgestiegen und gewandert, einen schmalen Fluss entlang, für das aufgetragene Werk einen geeigneten Platz zu finden. Ein Tal habe ich - nicht zu weit, einen Fluss, der meinen Tränenfluss unterstützt - was könnte ich einen günstigeren Platz finden? Die untergehende Sonne im Rücken hatte er sich an eine Seite der Geröllschlucht gesetzt, hatte sein Werk begonnen; begonnen, wie Gelehrte zu tun es wohl pflegen. Ich weiß nicht - vielleicht hatte er genau berechnet, wie lange es wohl währen würde - Fläche der Schlucht, Volumen, Zufluss an Wasser durch den Fluss aus den Bergen, eigener Kraftaufwand - nur ans Ziel kam er nicht. Gewiss ein Teil der Schlucht füllte sich, nur weiter, weiter wollte es nicht gelingen. Lange Zeit verstrich, wie lange – ich kann es nicht sagen. Da war eines Tages sie erschienen, hatte sich auf eine Anhöhe an der anderen Seite des Sees gesetzt und hatte das Werk des geliebten Freundes betrachtet. „Nun, hast du das Tal schon gefüllt?“, hatte sie ihm gefragt. Und er hatte nur den Kopf zu schütteln vermocht: „Ich habe doch alles so gut bedacht, nur gelingen will es trotz alledem nicht.“ „Was bist du nur für ein Mensch - was vermagst Du überhaupt. Wolltest alles nur mit deinem Verstand erreichen, war ja alles so durchdacht, nur eines hattest du übersehen: dein Fluss trug die Tränen wieder hinaus am anderen Ende des Tales. Nein, so einen wie dich will ich niemals haben, niemals!“ „Lass es mich noch einmal versuchen, ein einziges Mal“, hatte er ihr zugerufen, „nur ein einziges Mal...“ „Ach du - wie lange hab’ ich schon gewartet, ewig kann ich nicht warten. Aber versuch es doch – du wirst es sowieso nie schaffen.“ Dann war sie aufgestanden, wegzugehen - zu vergessen. Nur jetzt sich nicht umdrehen, stark bleiben, nur jetzt löschen die zehrende Flamme aus Sehnsucht, Hoffnung, Enttäuschung, aus ...
Müde, verzweifelt und bar aller Hoffnung war er aufgestanden, den See entlang nach Norden gegangen undhatte diesen unseligen Fluss am Ende der Schlucht überschritten, ihr nacheilend gen Osten.
Finstere Nacht war es geworden, Wege verwischend, Träume zerstörend und Hoffnung. War gelaufen, um nur eine Schlucht weiter auszuruhen am Rande des Abgrunds; - verzweifelnd an sich, an all seinem Leben, von dem nichts er verstanden bis jetzt, nichts - bis alles zu spät geworden. Grundlos war seine Verzweiflung gewesen - nicht grundlos, weil sie keinen Grund hatte, grundlos, weil sie hinabreichte in die tiefsten Tiefen seines Inneren: Was war er für ein Mensch gewesen? Nur an all jenem auch nur ein klein wenig zu ändern, dies vermochte er schon nicht mehr - nicht allein und der einzige Mensch, der ihm vielleicht zu helfen vermocht hätte, der ... den hatte er gebrochen, auch sie, sogar sie durch seine Eiseskälte Unwillentlich? Und in all seiner Verzweiflung und Ausweglosigkeit hatte er zu weinen begonnen, bitterlich zu weinen, unwillkürlich - hinaus aus dem Innersten seiner Seele - Tränen der Not, Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit, Tränen der Sehnsucht, Wärme, Tränen der Liebe - hinein in diese waldgefüllte Schlucht vor ihm - wahllos, nur für sie, für sie allein und sich. Und gewisslich hätte er diese Schlucht zu füllen vermocht, wenn, ja wenn sie nicht zuvor dem sich aufstauenden Wasser einen Ausweg gegraben hätte. Am anderen Ufer hatte sie gestanden, hatte gelacht, nichtsahnend, nur gelacht, vielleicht auch gespottet: „Wie lange denn noch - viel zu lange, wirst es eh niemals schaffen“, hatte sich umgedreht und war verschwunden – irgendwohin. .. . Kraftlos war er da aufgestanden, war weiter getaumelt, weiter ein Stück seines Weges ...
Und die Erde begann zu weinen aus hunderten, ja aberhunderten Augen, bittere kalte Tränen der Trauer, auf ewig zu füllen das mit warmen Tränen befeuchtete Tal ...“
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Vice versa
Eines Tages sang ein Vogel im Hain an den Feldern. Da begann eine Kornblume inmitten der Ähren zu blühen. Und der Vogel dachte: „Vielleicht blüht sie nur, weil ich singe.“ Und er sang noch schöner. Als aber die Blume den Vogel so singen hörte, sagte sie sich: „Vielleicht singt er nur, damit ich blühe.“ Und sie blühte noch schöner.
Ein Augenblick
„‚Wie lange hatte ich schon um die Gunst dieser kleinen Katze geworben. Gewiss, sie war schon immer etwas anders gewesen als die anderen Katzen, die ich kannte. Nicht nur ihrem Erscheinungsbild nach – das auch – vielmehr jedoch in ihrer ganzen Art: Scheu war sie, unsagbar scheu; Geduld musste man haben, warten ... um schließlich sich zu ihr hingekauert ganz vorsichtig sprechen zu beginnen. Und vielleicht, vielleicht lief sie nicht fort, legte vielmehr ihr kleines Köpfchen ein wenig zur Seite, so als würde sie zuhören ... und ganz vielleicht würde sie auch von selbst zu sprechen beginnen – ein zaghaftes, vorsichtiges „ijaauu“ etwa – nur ein Signal, „Ja ich will Kontakt aufnehmen“ - doch dann, dann würde sie sich, gleichsam über ihren eigenen Wagemut erschreckt, schnell wieder umdrehen und mit diesem nur ungezähmten Tieren eigenen Gang weglaufen.
So waren die Tage verstrichen, was sage ich Tage, Wochen schon – irgendwie sich immer wiederholend das Spiel, immer wieder anhaltend an gleichem gesagten Punkt. Wirklich an gleichem Punkt? Oder verschob er sich nicht vielmehr langsam, millimeterweise immer weiter nach hinten? (Gewiss manchmal auch wieder nach vorne, unwillkürlich, nur uns zu bemerken.)Die Gespräche wurden länger, inhaltsreicher (konnte man das überhaupt sagen?), einfach gesprächiger – mal eine Pause, mal ein Wort: Frage, Antwort, sich gegenseitig erzählen ... (Hätte ich mir jemals denken können, einer Katze so Freuden und Kummer des Alltags mitzuteilen, mitteilen zu dürfen und zu können – noch dazu in solch einer Fremdsprache?!) Und je länger wir miteinander die Zeit verbracht hatten, um so mehr hatte ich die – wie sagen – Andersartigkeit dieser kleinen Katze verstanden: eine Mauer hatte sie um sich bauen müssen, eine hohe unüberwindlich feste Mauer aus Unverbindlichkeit, Anpassungsfähigkeit und gespielter Fröhlichkeit, dabei immer argwöhnisch bleibend und hinter jeder Ecke eine Falle vermutend. Was musste dieses kleine Tier alles miterlebt haben, um so zu werden? Nur davon hatte sie mir – von Andeutungen abgesehen - nichts erzählen wollen ...
Rein zufällig waren wir uns begegnet, ich auf einer überwachsenen Steinmauer sitzend, ein Buch mit Gedichten in der Hand und sie – völlig anderen Gedanken nachhängend – die Mauer entlang balancierend und sinnend; nur eine Handlänge von mir entfernt war sie schließlich aus ihrem halb wachenden Trancegang aufgewacht, hatte sich mit einem weiten, jäh-verängstigten Sprung auf den Erdboden tief unter ihr hinabgestürzt (wissen Katzen, dass sie – wenn gesund – immer auf den Füßen landen?) und war weggelaufen ... nichts als weg. Ich hatte mir nichts dabei gedacht (eine kleine Katze eben) und einfach weitergelesen ... wie immer am Abend nach der Arbeit, wie immer, so auch am folgenden Tag. Da war sie wieder gekommen (hatte ich sie nicht insgeheim schon erwartet?), nunmehr aber so als wäre es nicht mehr Zufall... Und die Szene hatte sich wiederholt – Tag um Tag. Nur die Katze war immer scheu geblieben und doch schien siemir signalisieren zu wollen, diese Scheu überwinden zu wollen – wennsie nur wüsste wie. (Gleichsam als hätte sie mir zugerufen: ‚Du musst mich erst zähmen, zähme mich – bitte‘). So hatten wir begonnen, uns gegenseitig vertraut zu machen, denn war es nicht eigentlich ich, die von dieser kleinen Katze gezähmt wurde: Den Tag über und bis zum Abend warten, dass sie doch käme, bei mir bliebe, vielleicht ein wenig plauderte und irgendwann ...
Tagein tagaus wie gesagt. Nur an diesem Abend (ich hatte eigentlich gar keine Lust verspürt, zu unserer Steinmauer zu gehen...) war sie plötzlich so anders gewesen – so anders, so zutraulich, fröhlich, wie es „normale“ Katzen Menschen gegenüber so häufig sein können; gleichsam als wäre sie über ihren eigenen Schatten gesprungen: war zu mir gekommen, hatte sich an mich geschmiegt, sich streicheln lassen und hatte geschnurrt, vor Katzenglück nur geschnurrt. Lange hatten wir zusammengesessen … von kühlen Winden verblasen und doch nichts bemerkend von alldem um uns. Wie schön war es doch, nach so langer Zeit endlich einander vertraut geworden zu sein – um wieviel schöner als die – vielleicht doch oftmals nur so oberflächliche Zutraulichkeit des Katzenvolkes gegenüber uns Menschen. Doch plötzlich – als wäre sie jäh aus einem Traum erwacht – war sie aufgesprungen, einen Sprung zur Seite, ihr kleines Köpfchen energisch drehend, war weggegangen; noch einmal einen Blick mir zuwerfend, gleichsam ein „Wie schön war es doch, aber bitte versteh’... muss gehen, mach’s gut“.
Ein Augenblick. Und ich hatte gefühlt, ja eigentlich gewusst, sie würde nicht wiederkommen ... und wenn doch, wieder diese alte scheue Katze geworden sein, nur jetzt mit einem Splitter im Herzen, deruns beiden nur schmerzte ... Sie brauchte noch ihre Freiheit, so sehr – oder zumindest nicht diese Unfreiheit der Menschen. Und ich, ich musste ihr diese Freiheit lassen, so sehr, so sehr ich auch wünschte, es wäre anders....’
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Menschenkind, oder das Licht,
das Leben bedeutet
Und der Mensch trat vor den Engel an der Pforte: „Zeige mir das Licht, das Leben bedeutet.“ Lange betrachtete jener das Spiel all der Wassertröpfchen in der Quelle zu ihren Füßen - kleine runde Perlen, die munter in einen Bach hinein sprangen, um nun ihren Weg zu beginnen.„Ich will es tun, Menschenkind,weil du mich bittest ...“ Eine kurze Pause, die folgte ... „Auch wenn es besser wäre, wenn ich es nicht täte ….“ „Warum?“
Und der Engel nahm den Menschen an seine Hand und führte ihn durch das alte, fast schon verwunschen anmutende Tor injenen großen, bald ebenen, bald von sanften Hügeln durchzogenen Garten, in dem tausende, abertausende, nein, Millionen und Abermillionen große und schon kleinere Kerzen brannten – hell leuchtend die einen, ruhig und gleichmäßig in kräftiger Flamme andere oder flackernd und fast schon erloschen die dritten, diedem Betrachter nur noch wiemüde Flämmchenerschienen, die gleichsam in ewigem Widerstreit gegen Windstoß um Windstoß ankämpften; all jene Böen,die trotz der schützenden Mauern hier in den Garten hineinbliesen; Lichtpünktchen, die sich beugten, um (mühsam) wieder aufzustehen, als ob ihr Licht schon bald zu erlöschen drohte.
„Führst du mich zu der Kerze, die mein Leben bedeutet?“, fragte der Mensch schließlich nach endlosem Wandern. Der Engel zögerte. „Warum willst du sie sehen?“ „Ich möchte es wissen?“ „Was?“ „Wie lange ich noch lebe!“ „Tut das etwas zur Sache?“ „Ja ...“ „Warum?“ „Weil es gut für mich wäre, wenn …“ „Meinst du?“ „Ja!“ Wieder überlegte der Engel. „Nun denn, wenn du es wirklich möchtest.“
Und so gingen sie Hand in Hand durch all die Lichtreihen zur Linken und Rechten, einen Weg, den nur der Engel noch kannte, ehe er schließlich an einer ganz bestimmten Stelle verharrte. Die Kerze kämpfte nur ganz schwach, um noch Licht abzugeben. „Das kann nicht stimmen, Engel, du hast mich falsch geleitet!“ „Ich kenne alle Wege und gehe nicht irre. Leider.“ Voll Schauer blickte der Mensch auf die flackernde Flamme, die mit Mühenum die ihr noch verbleibenden Wachstropfen kämpfte. „Engel ...“ „Ich wollte nicht … du hast mich gebeten ...“ „Ja, aber ...“ Wie weiter? Nur ein Gedanke, der den Menschen jetzt drängte undnoch weiter führte: „Deine Tasche ist voll von ungebrauchten Kerzen, Engel, setze mir eine neue über die alte ...“ „Ich darf es nicht, verstehe ...“ „Was redest du da? Du willst mir einfach nicht helfen.“ „Ich würde es liebend gerne tun, Menschenkind, für dich ... aber es geht nicht ...“ Lange schwieg sodann der Engel, ehe er schließlich den Satz zu Ende brachte: „Esliegt nicht in meiner Macht, über jenes zu bestimmen ...“Schweigen. „… begreifst du jetzt, warum ich dich nicht hierher führen wollte.“ Die Wolken, sie zogen. Hoch über ihnen, ein beständiges Wandern. Minuten lang. Doch der Mensch wollte oder konnte in seiner Unrast und Verzweiflung schon nicht mehr, Gesagtes annehmen oder wortlos aufgeben: „Tue es trotzdem – du bist mein Engel! Du musste mir helfen!“ „Nein!“ „Tu es, wenn ich es sage!“ „Auch wenn ich es nicht darf … und deine Kerze erlöschen könnte, wenn ich versuchte, dir trotz alledem, eine neue zu setzen?“ „Sie wird es nicht, lass dein ausweichend Gerede.“
Da nahm der Engel aus all den ihm gegebenen Kerzen eine neue, um sie auf die flackernde alte zu setzen – das Licht erlosch, eh das neue aufflammte ...
Und bittere Tränen weinte der Engel ...
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Eine andere Welt?
Stumm sitzt sie am Straßenrand – dort neben der Laterne – den Blick stets gerichtet auf das oft viel zu hektische Leben vor ihren Augen: Autos, Busse, Straßenbahnen, die in Grünphasen vorüber fahren, anhalten. (Menschengrüppchen sodann, die an der Haltestelle aus- oder einsteigen, um eiligen Schrittes ihren neuerlichen Zielen entgegen zu hetzen) … oder den Gehweg auf ihrer, dort auf der anderen Seite ... Aufmerksam folgt ein Augenpaarall den Vorübereilenden, schätzt sie blitzschnell ein - ja, nein, vielleicht, mal sehen. Ein Schnelltest der anderen Art, Außenstehenden fast unbemerkt, kaum einer, der sie seinerseits eines Blickes würdigt („Schon wieder so eine Romabettlerin, es werden immer mehr, man sollte etwas dagegen unternehmen!“); allenfalls einzelne Cent-Münzen, die in ihren Becher fallen („Danke, Madame“ oder „Pour la familia“) - ob sie das überhaupt noch hören? Verstehen? Einerlei, sie sind ohnehin schon weiter. In Schritten … und gewiss auch Gedanken. Fast ein kleines Ausnahmewunder, wenn ihr diese Dame von soeben auf dem Rückweg fast verschämt ein Stück Gebäck reichte ... oder einen Becher mit Kaffee zum Gehen. Aber solche Wunder sind selten. Sie könnte sie an ihren Fingern abzählen. Seit sie hier ist, draußen auf der Straße. Es gibt andere, die sich andere Wege suchen, bessere? Nein, das ist nicht ihre Sache. Zwei Welten, die sich wohl nur hier begegnen.
Und wie viel weniger sind es, die ein Wort an sie richten, ihr zuhören wollen, sie verstehen? Also doch lieber schweigen ... oder anderes erzählen, besseres, das die Menschen glauben könnten ? Käfer, die neben ihr über die Decke krabbeln – eine bunt lebendige Decke aus ihren Kindertagen – anhalten, in farbigen Falten eintauchen, um sogleich oder später wieder zu entschwinden. Irgendjemand hat eine Schachtel Streichhölzer verloren, die Köpfchen leuchten rot auf grauen Asphaltboden. Ein Grüppchen Ameisen, die sich mit solch einem Riesenstab abmühen. Große und Kleine ... (Ob sie es schaffen, ihn zu bewegen? Oder zumindest ein wenig?) Ein kleiner Hund sodann, sein Herrchen bemüht sich schnell, ihn von dieser Bettlerin fortzuziehen. („Pfui!“) Eine Welt von unten. Ist es ein Spitz oder ein Dackel gewesen? Schnell die Hand in die Tasche stecken, eine Handvoll Rosinen, Bucheckern, die gegen den Hunger helfen. (Dann kann sie die Semmel von soeben für den Abend aufsparen ... die Kinder werden sich wieder darum raufen. Vielleicht wird sie aber auch noch anderes bekommen. Mal sehen. Hoffentlich wird es bis dahin keinen Regen geben.
Schuhe, Sandalen, Hosen, Leggings und Kleider, die an ihr vorüber eilen. Ihren Zielen entgegen. Verbergen sich hinter ihnen mehr als nur Menschen auf Zwischenreise?
Arvo ...
oder das kleine Boot auf dem Meer
Irgendwie ist es schon wieder spät geworden. Viel zu spät eigentlich für Arvo. Aber was will man schon machen, wenn hier die Stunden immer zu knapp werden. (Gerade in solchen Zeiten ...) Also jetzt noch schnell zu Arvo in R5 gehen, die Tasse Tee und die obligate Schachtel mit Tabletten nicht zu vergessen. Ins Zimmer treten, dämmeriges Licht schon, nur das ewige Leuchten der Notruftaste. „Hallo Arvo, noch wach?“ „Mhm ...“ Dumme Frage. Den Lichtschalter drücken. „Vorsicht Licht!“ Die drei vier Schritte von der Tür zu Arvos Bett am Fenster gehen. „Aksana?!“ „Ja.“ „Guten Morgen.“ „So früh sind wir noch nicht ...eher gute Nacht noch eben.“ „Ach so ...“ Den Tee auf den Beistelltisch stellen. Einen Blick auf den kleinen Patienten werfen, routiniert irgendwie, ohne aufzufallen. „Pfefferminze, Zucker habe ich schon reingegeben.“ „Danke.“ „Klar, die Tablette jetzt, oder willst du sie nachher selbst nehmen?“ „Selbst ...“ „Gut, aber tu‘s auch. Versprochen?“ „Versprochen.“ „Schön, alles okay sonst?“ „ … okay ...“ Ein irgendwie verschlafener Dialog nun eben. „Dann will ich nicht weiter stören, schlaf gut, Arvo.“ Zum Gehen ansetzen. „Aksana ...“ „Ja.“ „Wann werde ich endlich wieder gesund? Wann kann ich endlich wieder hier weg? Wann bin ich endlich nicht mehr immer so müde, so platt wie ein plattgedrückter Pfannkuchen? Wann ...“ Was antworten auf so viele Fragen? Etwa dies: „Bald, sicher bevor es Frühling wird ...“ Auch wenn du weißt, dass es für Arvo vielleicht nur noch diesen Winter geben dürfte? Also ganz hart: „Weißt du Arvo, vermutlich nie mehr!“ Würde dadurch nicht mit einem Schlag alle Hoffnung vernichtet werden - und mit ihr auch mehr? Oder die Wahrheit sagen und damit überhaupt nichts: „Ich weiß es nicht...“ Manchmal kann man ob all der Hilflosigkeit seinen Job nur hassen … der Ausweglosigkeit, gegen die du nichts kannst machen. Also es überhaupt ganz anders versuchen? „Arvo - ich kann es dir nicht sagen ... Es wäre so schön, wenn bald ... aber wann … mhm ... kannst du dir vorstellen: Du bist in einem winzigen Schiff ganz weit draußen auf dem Meer. Windstille. Nichts. Nur kleine Wellen, die an die Schiffswand schlagen. Nur die Sonne – so stark strahlt sie, dass dir oft nur ganz schwindlig wird, vielleicht sogar ein wenig schlecht; einen ganz trockenen Mund hast du schon ... Aber dann kommt schon wieder die Nacht, in der du trotz dieser komischen blöden Müdigkeit eh nicht richtig schlafen kannst … (und wenn doch, dann kommt diese blöde Aksana …). Wieder ein Tag ... wieder das gleiche. Nichts. Windstille. Das Meer. Nichts kannst du machen, nur ... vielleicht nur auf irgendeinen Seevogel warten, der dir etwas vorkrächzt, nur warten... Kannst du dir das vorstellen?“ „Mhm - kann ich.“ „Gut - also weiter: Und dann fragst du: ‘Wann komme ich denn endlich weg von hier? Wohin?’ Was soll ich dir da antworten? Vielleicht heute, morgen, übermorgen, vielleicht erst in einer Woche. Das hängt nicht von mir ab, nicht von alle den anderen hier auf der Station, nur vom Wind, der dein Boot weitertreibt - ob in seinen früheren Hafen oder einen ganz anderen, von dem ich dir nicht einmal erzählen kann, wie er aussieht - ich weiß es nicht, ganz, ganz ehrlich nicht. Würde lügen, wenn ich dir irgendetwas antworten würde, nur um der Antwort willen. Und das mag ich nicht.“ Pause; ein Atemholen; ein Zusammenklauben so durcheinander fliegender Gedankensplitter. „Ich kann nur hoffen, beten, dass bald Wind aufkommt und dein Schiff weitertreibt ... und ich weiß nicht einmal, wohin es besser wäre, wenn er dich triebe: in den alten Hafen oder diesen mir unbekannten neuen aber sicher schönen anderen.“ Eine kleine Pause einlegen. „Aber Arvo, eigentlich könntest du selbst versuchen, dir die Zeit zu verkürzen. Dann ist das Warten oft viel einfacher ...“ „Mhm ...“ „Gut, dann bringe ich dir morgen etwas zum Lesen mit … mal überlegen ... oder warte mal: Du malst doch gerne. Ich bringe dir Papier und Stifte und du zeichnest mir jeden Tag ein Bild. Aber bitte nicht irgendeines, sondern ein schönes! Abgemacht?“ „Ja, abgemacht!“ „Schön ... aber dann weiß jetzt nicht einmal, ob ich mir wünschen sollte, dass du noch viele Tage hier bleiben musst ...“ „Warum, Asana?“ „Na, stelle dir vor: Du wirst ein berühmter Maler und wir haben hier auf Station eine ganze Galerie von deinen Bildern ... Dann wären wir alle plötzlich ganz reich ... Aber ich will nicht egoistisch sein und nur an mich denken. Du willst ja möglichst schnell hier weg, verstehe ich schon ... sehr gut sogar … Also, gute Nacht, Arvo … Dagmara oder ich schauen nachher noch einmal vorbei … wie immer. Und die Tablette nicht vergessen ...“
Engel der Nacht
Sie saß immer etwas abseits, ein leichtes rotes Tuch über die Beine geschlagen, ein breites Band um ihre schwarzen Haare, eine schwere Kette um den Hals, die ihre kindliche Gestalt nur noch mehr betonte. Anfangs wunderten wir uns alle über dieses seltsame Mädchen, die all abendlich bei Anbruch der Nacht bei uns auftauchte, ihre Decke ausbreitete, sich im Schneidersitz auf sie setzte, ein Buch auspackte (oder einen Block zum Schreiben, zum Zeichnen) und dann doch nur alles um sich herum mit wachen Augen beobachtete. Ein zwei Stunden, die so vergingen, ehe sie sich katzengleich zusammenrollte,rasch ihr Holzkreuz küsste, um sogleich in einen leichten Schlaf zu versinken. Bei Tagesanbruch war sie schon lange wieder verschwunden.
Wir alle liebten dieses Mädchen, warteten auf sie und machten uns Sorgen, wenn sie einmal nicht pünktlich bei Sonnenuntergang erschien oder müde und traurig wirkte. Unser Engel der Nacht, der sich zu uns gesellte ... Uns schützte? Keiner wagte, ihr zu nahe zu treten ... ihre Anwesenheit auch nur irgendwie zu stören. Und seien es nur laute Worte.
"Du gehörst nicht hierher",wie ich ihr eines Abends sagte. Ein kurzes Lächeln, ehe sie mir ihre Antwort schenkte: "Ich weiß ..." und nach einer kurzen Pause ergänzte: "... ich habe die Seiten gewechselt." Ich verstand nicht, was sie meinte, traute mich jedoch nicht, weiter zu fragen. Nur eines: Wenn jemand nicht in diese Welt hier gehörte, dann dieses afro-orientalische Engelswesen an unserer Seite. Oder gerade deswegen ...
Susulka und ihre Freunde
Erzählungen für kleine und große Kinder
Vor langer, langer Zeit war die Welt noch voller Heinzelmännchen, Elfen, Gnome und Hexen. Überall konntet ihr sie finden: in Wäldern, auf Wiesen,in Dörfern, Städten, Hütten und einsamen Häusern. Sie alle lebten in einem riesigen Reich mit einer wunderschönen Königin, die klüger war als alle Eulen des Reiches zusammen und einem König, der so stark und mächtig war wie zehn Riesen . Ja, und natürlich gab es dort auch eine richtige Prinzessin namens Susulka. Wie jedes Elfenkind hat auch sie schon ihre Aufgaben, die sie mal lieber, mal weniger gern tut. Aber es muss sein. Außerdem ist es auch schön, Verantwortung zu haben! Oder? Und dann freut sie sich doppelt und dreifach, mit Sumno, Ververica, Räidijuu und all ihren anderen Freunden auf der großen Wiese und überall zusammen sein zu können. Was sie da taten und erlebten – nun, möchtet ihr es wissen?
Übrigens. Die Namen von Susulkas Freunden sind fast immer sprechende Namen. Entweder sie sagen ihren Namen in einer anderen Sprache oder geben ein Geräusch wider, das sie machen. Sicher wisst ihr jetzt schnell, wer wer ist? Aber wenn ihr euch dennoch unsicher seid, ein Tipp: Einfach aufmerksam lesen oder zuhören. Beim ersten Mal werden nämlich fast immer auch die deutschen Namen genannt!
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Kolja und Susulka
Eines Tages verlief sich Susulka, unsere kleine Elfen-prinzessin, im Wald. Dunkel war es schon, Nacht, kalt, wild und gespenstisch. Susulka wusste nicht weiter: Der Wald war so groß, die Wege so gleich und die Geräusche so schrecklich. Wie kam sie jetzt nach Hause? Und weil sie nur ein kleines Elfenkind war, das die Nacht noch nicht so gut kannte, begann sie zu weinen, die ganze Nacht durch, so sehr, dass am nächsten Morgen jeder Grashalm auf der Wiese ganz nass war. Die Sonne ging auf und wanderte langsam über den Himmel. Sicher war es jetzt schon Mittag. Was nur tun? Da hörte Susulka auf einmal ein polterndes Geräusch. Vorsichtig blickte sie durch die Zweige: Es war Kolja, der Junge aus dem Dorf mit seinem Fahrrad! Mit dem Mut einer kleinen gestreif-ten Tigerin stürzte die Elfenprinzessin auf den Waldweg: „Halt an, Menschenkind, bring mich nach Hause!“ „Was kriege ich dafür?!“ Susulka überlegte: „Einen Frei-wunsch!“ Kolja lachte. Aber obwohl er den anderen Kindern gegenüber oft böse war, brachte er das Elfenmädchen nach Hause. „Jetzt wünsche dir etwas!“ Kolja überlegte, überlegte und überlegte. Er hatte so viele Wünsche. (Dieses super coole Mountainbike, einen Computer, nein, dieses neue Handy mit eingebautem MP3-Player oder ...) „Ich will alles wissen, ohne lernen zu müssen.“ „Wenn es weiter nichts ist.“ Geheimnisvoll holte Susulka einen Kieselstein aus ihrer Tasche hervor und gab ihn dem Jungen. „Wenn du ihn in der Tasche hast, wirst du alles wissen, ohne lernen zu müssen!“ Kolja schüttelte den Kopf: ein Kieselstein! Er hätte sich doch besser etwas Sinnvolles wünschen sollen!
Und doch: Seit diesem Tag war Kolja, ohne auch nur ein Jota lernen zu müssen, plötzlich der Beste in der Klasse, ja, in der ganzen Schule. Natürlich wurden die Lehrer bald misstrauisch. Immer schwierigere Aufgaben gaben sie ihm – natürlich wusste er die Antwort. Kolja, das Wunderkind, das Genie, dem alles zuflog.
Doch eines Tages geschah ein großes Unglück. Mama hatte ohne sein Wissen Kolja Hose gewaschen und das Steinchen war verschwunden. Ausgerechnet heute, wo er einen Deutsch-Test schreiben musste. Was jetzt? Er hatte doch schon seit Wochen keine Vokabeln mehr gelernt, von Grammatik ganz zu schweigen! Hilfe – was tun?
In seiner großenVerzweiflung lief Kolja in den Wald: „Königstochter, Königstochter, du musst mir helfen!“ Und wirklich – Sekunden später stand Susulka vor ihm. „Hilf mir, Susulka! Ich habe den Stein verloren!“ „Ich will dir helfen.“ Susulka holte einen zweiten Stein aus ihrem Kleid hervor. Er war so warm, als hätte sie ihn aus dem Ofen genommen. „Da, nimm!“ Er brannte beinahe in Koljas Händen. „Danke, Königstochter.“ Susulka lächelte: „Gerne, Menschenkind. Aber vergiss nicht: Du darfst niemand etwas verraten!“ „Warum?“ „Weil wir alle von der Welt verschwinden müssen, wenn die Menschen von uns wissen. Versprochen?“ „Versprochen. Auf mich kannst du dich verlassen.“
Jetzt schnell in die Schule. Der Test war gerettet. Alles blieb, wie es gewesen war. Kolja war und blieb der beste Schüler der ganzen Schule. Und doch: Alles in ihm brannte, wenn seine Hand den Stein berührte. Dann stand mit einem Mal das Bild unserer Elfenprinzessin vor ihm, ihr Lächeln, ihre Stimme, ihre ganze ..., mhm, ihr versteht, was ich meine?! Er konnte nur noch an Susulka denken. „Träumer!“ riefen dann die Jungen. Alle Mädchen jedoch fragten neugierig: „Von wem träumst du?“ Und Oksana träumte, er würde sagen: „Von Oksana“, Marina: „Von Marina“ und auch Julija hörte schon den Klang ihres Namens. „Von Susulka.“ „Susulka?“ „Ja, der Tochter des Königs der Elfen, Zwerge, Hexen und Heinzelmännchen.“ Die drei Mädchen lachten. Prinzessin Susulka?! So ein Träumer und Spinner!
Da ertönte auf einmal ein lautes Wehklagen aus allen Häusern und Winkeln der Stadt. Was war das für ein Jammern und Klagen!
Seit jenem Tag leben Elfen, Zwerge und Hexen nur noch versteckt in den Wäldern. Oder in den Herzen der Kinder, die noch an sie denken.
Und alles wäre anders, hätte Kolja damals nicht Susulka verraten! Oder Julija nicht über Kolja gelacht ... oder Oksana und Marina. Aber genug jetzt der Klage. Ich kann euch von unserer kleinen Prinzessin und ihren vielen Freunden erzählen. Wollt ihr?
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Sumno, der Igel
„Warum bist du traurig?“ „Ich ... nichts ... lass mich doch in Ruhe.“ Fast wäre Susulka weiter gegangen. Aber, durfte sie denn diesen kleinen Igel am Gebüschrand jetzt einfach allein lassen? Er war doch traurig. Sooo traurig! Das sah sie doch. Ja, sie konnte seine Traurigkeit sogar noch in den schon angegilbten Farnblättern spüren, unter dem sich das Igelkind versteckte. „Ich bin die Elfe Susulka. Und du?“ „Ich, ich bin Sumno, der Igel.“ „Willst du mit mir spielen?“ Sumno überlegte: Spielen, dürfte er jetzt über-haupt fröhlich sein und sogar spielen? Und wenn, konnte er es überhaupt noch? „Ich ... ich bin allein.“ Unser kleiner Freund schluchzte. „Na, und jetzt bist du’s nicht mehr.“ „Du verstehst mich nicht!“ „Doch, tue ich!“ Und Sumno? Sumno rollte sich ganz schnell zu einer stacheligen Kugel zusammen. Wie es Igel immer tun, wenn sie Angst haben, allein sind oder traurig. „Ich habe etwas falsch gemacht“, schoss es Susulka durch den Kopf: „Sumno, was ist? Hörst du mich?“ Kein Laut kam als Antwort. „Vielleicht verstehe ich dich wirklich nicht, Sumno. Aber ich will es probieren.“ Ganz langsam bewegte sich die stachelige Kugel. Oder schien es Susulka nur so. Nur Geduld. „Warum bist du traurig, Sumno?“ „Ich? Mama ist weg ...“ „Aber deshalb musst du doch nicht weinen. Deine Mama kommt bestimmt gleich wieder.“ Mit meerestief traurigen Tränenaugen blickte Sumno unter dem Farn hervor: „Nein, ganz weg.“ „Wie, weg?“ „Ganz weg.“ „Verstehe nicht ...“ Sumnos große Augen waren die Antwort. Was sollte Susulka jetzt nur sagen? „Das tut mir leid ...“ Das wäre zu wenig. „Herzliches Beileid“ zu formell und eine lange Rede ... Sie kannte doch Sumno erst ein paar Minuten. Vielleicht sollte sie einfach ehrlich sein und sagen, sie wüsste nicht, was zu sagen. Wäre das nicht am Ehrlichsten und Besten? „Ich kann mir nur vorstellen, wie es jetzt in dir aussieht.“ Sumno schluckte: „Sie war immer da, immer. Und jetzt ... nie wieder ...“ „Mhm, weißt du, Sumno“, Susulka kramte in ihrem Kopf nach Worten, „jetzt bist du groß, ganz, ganz groß, obwohl du doch eigentlich noch so klein bist. Und große kleine Igel dürfen sich nicht verkriechen. Dafür ist nämlich die Welt viel zu schön! Auch wenn sie dir jetzt nur grau ist.“ „Meinst du?“ „Deine Mama hätte das sicher genauso gesagt.“ Schon wieder begannen Sumnos Stacheln langsam zu zittern. „Nicht weinen, Sumno. Oder jetzt nur ein bisschen: einen großen kleinen Teich voll. Und weißt du, was ich dann hole? ... Frösche! Quak, quak, quak! Deine Frösche und ein bisschen auch meine. (Ich habe sie nämlich geholt!) Und du, du musst auf sie aufpassen, du bist doch ein großer kleiner Igel.“ Sumno legte sein Köpfchen in Falten – so wie es Igel immer tun, wenn sie scharf nachdenken: „Und dann?“ „Weiß nicht, deine Mama bringen sie nicht wieder ...“ Erneut begann Sumno zu schluchzen. „Nicht weinen ...“, am liebsten würde Susulka jetzt weglaufen, ganz weit weg – bis zum gegenüberliegenden Waldrand und vielleicht sogar weiter. Das Leben ist doch viel zu schön, um es sich selbst schwer zu machen! Aber nein, natürlich war es nicht so einfach: Sumno musste es sicher erst wieder lernen! „Weine ruhig noch ein bisschen ... nur deinen Teich voll. Das tut gut. Dann hol’ ich währenddessen die Frösche: Quak, quak, quak!“ „Nimmst du mich mit, Susulka?“ „Wohin?“ „Frösche holen.“ „Aber Sumno, du musst doch jetzt weinen ... der Teich!“ „Kann ich das nicht später tun – wir wollten doch spielen!“
Quak, quak, quak – seitdem treffen sich Susulka und Sumno oft zum Spielen. Oft sind jetzt auch schon Sumnos neue Igelfreunde Raschel, Jež und Ježek dabei, der Maulwurf Köstebek und die Amsel Räidijuu. Quak, quak, quak – natürlich ist Sumno manchmal noch traurig. Sich an Mama zu erinnern ist traurig, schön, weiß nicht. Dann weint er manchmal auch ein bisschen, aber nicht lange. Ist doch das Leben viel zu aufregend und schön, um ganz lange zu weinen. Zumal, wenn man schon ein großer kleiner Igel ist ... und Freunde hat wie Susulka, Raschel, Ježek, Köstebek und Räidijuu.
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Hallhani
Hallhani, die kleine Graugans weinte. Immer stand sie abseits von den anderen, den Kopf unter die Flügel gesteckt, nur manchmal rupfte sie lustlos ein paar Grasbüschel. Wenn Susulka nicht ausgerechnet Les, den Fuchs, beauftragt hätte, auf sie aufzupassen, hätte er die Kleine sicher schon längst aufgefressen. Oder Volk, der Wolf, der schon seit Tagen um die Graue herumschlich, aber nur zu genau wusste, dass er riesigen Ärger mit Susulka bekäme, wenn er Hallhani auch nur eine Feder rupfen würde. "Ein seltsames Ding!" Nicht nur er schüttelte den Kopf über die Fremde.
"Ich will nach Hause!" "Aber hier ist es doch auch schön, wunderschön!", meinte Teljo-notschka, das Kälbchen. "Aber ich wollte nicht hierher kommen!" "Manchmal kannst du nicht entscheiden, wenn die Großen es wollen." "Das ist gemein!" Was sollte das Kälbchen jetzt antworten. Ratlos blickte es zu Susulka hinüber. Aber auch unser Elfenmädchen wusste keine Antwort. "Vielleicht sollten wir die weise Eule um Rat fragen?" Und wirklich - schnell rennt Susulka zur großen Eiche: "Komm, Sowa, schnell, wir brauchen deine Hilfe." Schwerfällig macht sich da die Eule auf den Weg zu der großen Wiese. Ihr müsst nämlich wissen, dass Eulen zwar klug sind, aber fliegen können sie nur wie Anfänger. (Nicht so wie Loatovitschka, die Schwalbe, die fliegt wie eine Artistin!) Aber für Hallhani und Susulka macht sogar eine schläfrige Eule alles.
"Das ist Sowa, die kluge Eule, sie weiß sicher eine Lösung." Lange klapperte die weise Alte mit den Augen, bis sie eine Antwort finden konnte: "Hier ist jetzt dein Zuhause, kleine Graugans. Sicher wollen deine Eltern nur das Beste für dich, wenn sie mit dir hierher gekommen sind." "Aber ich will es nicht! Das ist unfair!", wütend riss Hallhani ein Grasbüschel aus dem Boden, gleich darauf ein zweites. "Euer Gras ist hart. Ungenießbar!" "Nein, es ist lecker!" "Nein, ist es nicht." "Du bist blöd!" "Das sagst du nur, weil ich nicht von hier bin." "Bist du ja auch nicht." "Rassist!" "Selber Rassist!" "Halt den Schnabel." Fast wäre jetzt Luik, der Schwan, auf Hallhani losgegangen. Wie gut, dass Les da war und auf die Kleine aufpasste. "Siehst du Susulka, alle sind gemein zu mir." Das Elfenmädchen runzelte die Stirn, was sollte sie jetzt nur machen? Schlichten? Für irgendeine der beiden Parteien Partei ergreifen? Für welche denn? Oder einfach nur den Kopf schütteln und weggehen? Aber das geht nicht! Immerhin sind sie doch Freunde. Wie gut, dass das immer gutmütige Kälbchen vor sich hinbrummte: "Die wird halt einfach nur hartes Gras gefunden haben ..." Genau, das war's! Sicher wusste Hallhani nur nicht, wo sie die besten Plätze zum Fressen, Schwimmen und Spielen finden konnte. Klar, dass sie es dann hier nicht aushalten konnte. "Wir müssen Hallhani helfen." Für den Abend rief Susulka ein Treffen aller Kenner in dieser Sache ein: Katschka, die Ente, das Kälbchen, Bakro, das Schaf, die Ziege, die weiße Hausgans, die immer so auf ihrer Sauberkeit achtete, dass sie gar nicht so recht mit den anderen zusammen sein wollte, auch der Hahn und der Schwan sind gekommen. Ja, und sogar Muča, das Kätzchen, und Koer, der Hund, wollten nicht fehlen. ("Wir essen ja auch Gras, wenn wir Bauchweh haben!") Eine große Konferenz für Hallhani Und was ist dabei heraus gekommen?
Ein großer Wettkampf unter Susulkas Freunden: Wer findet das weichste und schmackhafteste Grasbüschel der ganzen Gegend. Immer zwei bilden ein Team, alle Teams haben Zeit bis die Sonne genau über der Spitze der großen Tanne steht. Also los. Der Hahn gab das Startzeichen. Und so zogen Katschka und das Kälbchen, das Schaf und Kosa, die Ziege, Muča und Koer, der Schwan und Somar, der Esel, von dannen. Und natürlich auch Hallhani und die Hausgans. Räidiiju überwachte die Einhaltung der Spiel-regeln aus der Höhe. Natürlich musste das Gänsepärchen nicht lange suchen, bis sie das weichste, beste und frischeste Grasbüschel gefunden hatten. Und da sie noch so viel Zeit bis zum Mittag hatten, konnte die Weiße ihrer grauen Schwester gleich noch den schönsten Badesee der ganzen Umgebung zeigen. "Aber nicht verraten, sonst ist er gleich von allen anderen Enten, Gänsen und Möwen überlaufen und wir haben keine Ruhe mehr." "Ich verrate nichts, Ehrensache!" "Und im Winter können wir hier Eislaufen. Das ist lustig!" "Wie schade, dass ich dann nicht mehr hier bin!" "Musst du denn wieder weg?" "Wir fliegen doch im Herbst wieder nach Süden. Wie schade!" "Wirklich schade, dann kannst du nie Eislaufen!" "Aber im nächsten Frühling komme ich wieder!" "Und jetzt ist fast Sommer!" Was weiter? Natürlich haben die beiden haushoch gewonnen. Und jetzt, jetzt sind sie immer zusammen, oder zusammen bei Susulka und den anderen. Denn stellt euch vor, jetzt macht es der doch so eitlen Weißen plötzlich nichts mehr aus, sich beim Spielen die Flügel schmutzig zu machen. Am Abend geht sie ja zusammen mit Hallhani immer zum Baden. Wohin, dass möchten die beiden partout niemand sagen. Manchmal bringen sie dann jedoch den anderen zum morgendlichen Schlemmen ein oder zwei Büschel des anerkannt besten Grases der Umgebung mit. Woher? Nur der Fuchs könnte es sagen, begleitet er doch im Auftrag Susulkas die beiden Freundinnen zum Baden. Aber zu schweigen – das ist auch für ihn eine Ehrensache!
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"Susulka und ihre Freunde. Erzählungen für kleine und große Kinder "
ISBN 9-783755-77594-2